#350: Kollateralschäden

Ich habe lange überlegt, was ich mit meiner Erfahrung von vor einer Woche anfangen sollte. Aber ich bin zu keiner für mich geeigneten Lösung gekommen, daher ist Schreiben wohl das Mittel der Wahl.

Mein Vater hat Krebs. Die Lunge weist ein paar Tumore auf und da diese zur Zeit nicht operabel sind und seine Gesamtkonstitution eher als schlecht einzuschätzen ist, ist auch eine Chemotherapie nicht möglich. Das heißt er wird bestrahlt. Heute Dienstag war seine vorläufig letzte Bestrahlung, um in 3 Monaten mittels eines Kontroll-CTs zu eruieren, wie erfolgreich oder nicht-erforlgeich die Bestrahlung war. Eigentlich wäre letzte Woche Freitag der letzte Termin gewesen und auch das Gespräch mit dem Arzt, wo mein Bruder und ich dabei sein hätten wollen. Aber wie so oft, kommt alles anders und vor allem als man denkt.

Vor einer Woche am Dienstag habe ich mit meinem Vater telefoniert, um zu hören, wie es heute bei der Bestrahlung war, ob er was braucht, ob Transport und Abholung auch gut funktioniert. Er hörte sich etwas erschöpft an, und erzählte mir, dass der Arzt festgestellt hat, dass er Wasser in der Lunge hätte und ob er Probleme mit dem Atmen hat. Wie immer hat er seine Situation herunterspielt und in einem Nebensatz erwähnt, dass er schon auf den Küchentisch einen Polster gelegt habe, da er im Liegen nicht richtig atmen könne. Nachdem ich auf ihm gesagt hatte, dass er mich bitte zu jeder Tages und Nachtzeit anrufen soll, war für ihn klar, dass er das schon alleine lösen könne.

Dem war nicht so und um kurz vor 9 Uhr abends bekam ich einen Hilfe-Anruf mit dem Satz: „Ich bekomme keine Luft!“ Also rief ich die Rettung und gab alle Informationen weiter, wie Krebspatient, Bestrahlung, Wasser in der Lunge, bei Atemnot dringend ins Spital, dringend!, schlechter Zustand, Lungen- und Herzkrank und natürlich Adresse. Ich zog mich noch schnell um – ich glaube im Bademantel wollte ich dann doch nicht hinauslaufen – lief zum Auto und fuhr wie eine gesenkte … in Richtung meines Vaters. Auch bei ihm sprintete ich zu ihm und fuhr in den 7ten Stock und war mehr als erstaunt, dass ich trotz guten 5 Minuten Verlust früher dort war. Insgesamt warteten wir dann noch weitere gute 5 Minuten als es endlich an der Gegensprechanlage läutete. Mein Vater schwankte am Stuhl gefährlich hin und her und ich versuchte ihn zu beruhigen.

Als der Sanitäter und Sanitäterin mir entgegen kamen, fragte ich die Beiden, wo den der Transport wäre, den ich habe ja am Telefon erklärt, was die Situation wäre. Als Antwort bekam ich, dass man sich das einmal ansehen müsse! Ernsthaft?

Nachdem das Atemfrequenz bei geschätzt – das erste Mal zeigte es nämlich nichts an – 60 % lag (oder darunter), wurde man etwas nervös. Ich weiß nicht, wie oft ich in diesem Moment erwähnt habe, dass er ins Spital müsse, da er Wasser in der Lunge hätte und nicht atmen könne. Das Wasser in der Lunge konnte der Sanitäter dann auch hören und die Befunde, die ich ihm gegeben habe, zeigten wohl den Ernst der Lage. Also rief man dann doch den Träger und die Notärztin – weil nur die sagen kann, dass ein Patient eingeliefert gehört. In der Zwischenzeit sind schon 20 Minuten vergangen. Gute 15 Minuten später ist die Notärztin da und bevor ich ihr zum gefühlt 100ste Male alles erzähle, bleibt sie an der Türe stehen, um zu fragen, ob der Patient Fieber habe – nein hat er nicht – und dann mich ansieht und fragt, ob wir einen Fall von Covid hätten und ob ich mir sicher wäre und überhaupt und außerdem. Was ich durchaus zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann, aber mir subjektiv emotional schwer tue, wenn mein Vater seit über 30 Minuten mit der Beatumungsmaschine nur atmen kann und er sich vor Schmerzen krümmt.

Da ich wohl glaubhaft bin, ging dann erstmals die Versorgung recht schnell, Venenzugang und Spritze über Spritze, die Beatmung funktioniert nur über das Gerät und ich beantworte Fragen über Fragen. Nur mein Hinweis, dass es wohl am klügsten und effizientesten (!) wäre meinen Vater ins SMZ Ost zu bringen, kommt wohl bei den anwesenden Personen an, aber nicht in der Leitstelle. Sie haben ein Überwachungsbett in KH Nord. Da im SMZ Ost keine Überwachungsbetten gäbe. Da werde ich wohl etwas ungemütlich und erkläre ihnen, dass das so nicht stimmt, da mein Vater schon letztes Jahre neben 2 Intensivstationsaufenthalten im SMZ Ost überwacht wurde. Ich bitte die Ärztin doch bitte anzurufen, weil es doch keinen Sinn macht, wenn er die Bestrahlung im SMZ Ost machen soll, warum sollte man ihn dann täglich von A nach B führen, wenn vor allem die komplette Krankengeschichte vor Ort liegt. Sie gibt mir Recht und beginnt zu telefonieren und überzeugt einen Arzt vor Ort meinen Vater aufzunehmen.

Mein Vater hat Glück, weil er hat meinen Bruder und mich, die Druck machen und da sind, Fragen stellen und versuchen zu hinterfragen. Wie groß wird der Kollateralschaden sein für das System, wenn wir all jene vergessen, die krank sind, krank werden (und ich meine nicht den Virus). Diesmal hatten wir nicht einmal das Problem, dass sie unser Vater schnell von der Station musste, weil es eh genug freie Betten gäbe (O-Ton).

Ich frage mich, warum die Rettung nicht schneller war als ich?

Ich frage mich, warum trotz genauer Angaben zur Situation des Patienten kein Arzt, kein Transport vorgesehen war?

Ich frage mich, warum ein Virus unser System so nachhaltig beeinflussen kann und alle anderen schweren Erkrankungen (Diabetes, Krebs, Herzerkrankungen, Nieren, ….) so vernachlässigt werden.

Ich frage mich, ob ich die Antworten ehrlich wissen will?

#344: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 2

Ich bin so froh einen Hund zu haben, dass wenn ich keinen hätte, ich wohl einen erfinden müsste, um hinauszugehen. Ich würde wahrscheinlich mit einer Leine, Schnur oder Gürtel auf der Straße gehen und so tun, als ob ich hinaus müßte. Ich bemerke nämlich, dass Quarantäne oder verordnetes zu Hause bleiben einen Instinkt des Wegwollens hervorruft.

Ich war ja vorher schon brav mit dem Hund im Bewegungszustand. Jetzt ist es eine Notwendigkeit und zwar für mich. Ich bemerke auch, dass sich die Gesellschaft in Gruppen teilt, die nach dem kategorischen Imperativ rufen und alle vernadern wollen, die mehr machen, als ihnen zugestanden wird – und ich meine da nicht die partyfeiernden Möchtegernpolitiker oder Junggebliebenen, sondern jene die sich im Graubereich befinden (Luftschnappen, ein paar Schritte gehen, am Bankerl sitzen …). Wo beginnt die Selbstverantwortung und wo endet die Zwangsverordnung?

Und nein ich liege nicht in der Sonne, ich gehe nicht auf Kuschelkurs oder mache mehr als unbedingt notwendig ist. Ich urteile aber auch nicht darüber, dass ich einen potentiellen Risikomenschen – wahrscheinlich um die 70 auf Krücken – begegne, während ich mit meinem Hund ausgehe. Er geht langsam und im sicheren Abstand und will die klare Luft geniessen, was er mir gleich schuldbewußt mitteilen will, nachdem ich ihn freundlich grüße. Er ist auch mit dem Auto gefahren, wobei eigentlich seine Frau, die ein paar Meter hinter ihm läuft.

Ich lächle ihm nur zu und wünsche ihm einen schönen Tag, weil das Virus ist nicht in der Luft, aber verankert sich immer mehr in unseren Köpfen. So ist es auch mit der Einschränkung der Freiheit, so eingeschränkt sie scheint, so beschränkt ist sie dann doch nicht und darüber bin ich sehr froh. Aber wie gesagt, wenn ich noch keinen Hund hätte, dann …

#337: Dorfer „und …“

Ich gebe es zu, ich war und bin seit jeher eine begeisterte Zuhörerin des Alfred Dorfers. Bissig, zynisch, pointiert politisch und durchaus auch flach unterhaltsam, aber vor allem ein bisserl böse.

Im neuen Kabarettprogramm findet man von allem ein wenig, wobei das Politische ist nur in den Zwischentönen hörbar, auch wenn Dorfer einmal zornig meint, dass wir uns endlich von dem Links-Rechts Geschwafel lösen sollen. Es geht nämlich nicht darum WER was sagt, sondern Wer Was sagt. Überhaupt war sein jetziges Programm philosophisch bestückt, da er neben Descartes auch Platon mit seinem Höhlengleichnis bemüht. Man merkt, dass sein Zorn den Sophisten gehört, den Halbintellektuellen, die „alles“ wissen und somit auch „alles“ kommentieren können, vor allem, wenn es eine Studie belegt, oder der intellektuelle Boulevard (der Standard) so schreibt.

Die Prinzessin war auch erstmals in einem Kabarett und trotzdem sie eigentlich sich zwangsbeglückt fühlte, hat ihr ihr erster Ausflug in die zynisch-böse Welt des Wiener Kabaretts gut gefallen. Etwas ertappt fühlte sie sich wohl beim deutschen Migranten, der von hoch gehen (nach oben gehen) spricht. Auch der Bleistift-bestückte Vortragende versus dem Power-Point-Bildzeiger hat sich nachdenklich gestimmt, da es schon seit Jahren in ihrer Klasse üblich ist, jegliches Referat, jegliche Präsentation oder jede „ich-mach-mich-wichtig“ Buch-Personen-Ereignis-Vorstellung durch animierte Bildschirmpräsentationen (und wenn ich animiert sage, meine ich animiert, da hüpft jeder Bullet-Point ins Bild) zu machen. Als wir dann nach Hause gingen, meinte sie, dass es wohl doch eine gute Idee von uns war, sie mitzunehmen.

#335: fehlende Inhalte

Am 15.10 entscheiden wir Österreicher über die Zukunft unserer nächsten Regierung. Ich versuche bewußt nicht zu sagen, dass wir über die Zukunft unseres Landes entscheiden, da es unsere Demokratie in Frage stellen würde. In Österreich wählt Mann und Frau alle 5 Jahre und somit haben wir alle 5 Jahre die Möglichkeit unsere Entscheidungen zu überdenken und zu korrigieren, wenn es notwendig erscheint. Dieser Absolutismus der in der medialen Berichterstattung herrscht, ist schon sehr erschreckend und vermittelt mir das Gefühl einer Selbstinszenierung, die jedoch völlig alle Sach- und Fachthemen ausklammern.

Ähnlich den Facebook und Instagram Profilen der Generation Y und Z, während die einen noch nach ihrem Sinn suchen und dies jedem mitteilen wollen (wie glücklich sie nicht in dieser unglücklichen Welt sind), so sind die anderen süchtig nach den dopamimausschüttenden Likes ihrer Accounts. Ein Sittenbild spiegelt der derzeitige Wahlkampf der Großparteien wieder.

Inhalte suche ich vergeblich und wenn dann werden sie mit anderen Themen überlagert, die nur auf Angst und Hemmnisse abzielen. Und Themen haben wir viele.

Und natürlich sorge ich mich, was die nächsten 5 Jahre für mich, meine Kinder und auch die Gesellschaft bringen werden. Angst habe ich trotzdem nicht. Auch diese 5 Jahre werden vergehen und uns lehren was Demokratie bedeutet.
Und die Globalisierung und ihre Effekte werden nicht vor der Grenze Österreichs stehen bleiben mit den Worten „Du kummst da nicht rein.“, auch wenn uns das Manche glauben lassen. Und Globalisierung hat nicht nur Auswirkungen auf die Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaftsstruktur, sie zeigt die Ungleichheit und obwohl es uns besser geht denn je, sehen eben alle anderen auch, wie gut es uns geht. Wir sind alle reicher und gesünder und doch … die Kehrseite zeigt ihre hässliche Fratze in der Form von Korruption, Populismus, Landflucht, Wirtschaftskrisen und Immobilienkrisen …
Und auch andere Themen wie die Digitalisierung, die mit der Globalisierung einhergeht, ist ein immanent drängendes Thema.

Gesundheit, Bildung, Wohnen und gesellschaftliche Veränderungen und Trends sind ausgeblendet und verdrängt von Themen wie Lug und Betrug. Lug in Form von Fakeseiten, wie die Wahrheit über, Unzensuriert, die Fans von oder dem Spätzünder oder der Betrug vom Flüchtling, dem Nicht-Leistungswilligen (ganz gleich warum), dem Betrüger am sozialen System.

Am 15.10. werde ich wie bei jeder Wahl um 17 Uhr vor dem Fernseher sitzen und darauf hoffen, dass viele ÖsterreicherInnen ihre Wahlmöglichkeit wahrgenommen haben. Auf mehr kann und will ich gar nicht spekulieren. Da Demokratie nun einmal die Herrschaft des Volkes bedeutet.

#334: Trauer

Gestern war ich bei meinem ersten Begräbnis nach muslimischer Tradition. Bei der rituellen Waschung war ich nicht dabei, aber dafür anschließend als der Sarg gebracht wurde und der Imam mit seinem Glaubensritual begann und sich Männer und Frauen dafür in zwei Gruppen trennten, erinnerte es mich stark an die orthodoxe Messe, der ich damals bei meiner Großmutter beiwohnte. Wobei ich mich bei solchen Ritualen oder gar Messen jedweder religiösen Richtung wenig bis gar nicht auskenne und auch immer ein großes Unbehagen verspüre, wenn ich merke, dass ich unangepaßt agiere.

Trotzdem haben mich 3 Gesten, ohne die gesprochenen Worte zu kennen, berührt, da sie so einfach sind und doch Wirkung hinterlassen. Die erste Geste war als die Menschen ihre Hände, wie zum Ruf oder Zuhören an ihre Gesicht hielten und zwar in Richtung des Sarges. So als ob man genau hinhören will oder eben noch etwas der Person zusendet. Die zweite Geste war ein symbolisches Abwischen/Wegwischen vom Gesicht. Es erinnerte mich daran, dass wir die Tränen wegwischen sollen. Die letzte Geste spiegelte das „Hinauffahren“ in den Himmel wieder, oder es erinnerte mich stark daran. Alle hielten ihre Hände bzw. Arme von sich gestreckt, die Handflächen nach oben, als ob man darauf wartete, etwas zu erhalten oder hinaufzusenden. Mag sein, dass eigentlich alle Gesten etwas ganz anderes bedeuten oder vielleicht auch gar nichts, es ist nicht wichtig.
Wichtig ist für mich, dass diese Gesten mich dazu gebracht haben, darüber nachzudenken und darüber nachzudenken, ob ich noch etwas zu sagen hätte, ob Trauer und wieviel Traurigkeit gut ist.

Was ich für mich weiß ist, dass Traurigkeit und Trauer eine legitime Ausdrucksweise ist, um Abschied zu nehmen, aber auch um zu spüren, nachzuempfinden, was ist und was eben nicht mehr ist. Bei der Rückfahrt sagte meine Tochter, das es so surreal ist und nicht greifbar, da vor 2 1/2 Wochen sie noch bei Gökce in der Küche saß. Wie kann das einfach nie wieder sein. Und diese Trauer verbindet uns auch wieder, wir fühlen mit-einander ein Mit-Dasein, wie Heidegger es beschreibt, dass uns zu sozialen Wesen macht. Und auch wenn wir sagen, dass das Gefühl von meiner Tochter und mir doch unterschiedliche Emotionen sind, so können sie wir unter einem Dach miteinander teilen und dieses Teilen gibt Kraft, weil man sich nicht so alleine fühlt.

Ich habe in den letzten Jahren mehrere „Papers“ (neudeutsch für wissenschaftliche Arbeiten) zu Trauer geschrieben und rational verstehe ich Trauer wirklich gut, und auch als ich damals versucht habe nachzuempfinden, wie es für mich wäre, wenn ich meine Kinder nicht aufwachsen sehen würde, nicht ihren Weg der Liebe, des Scheiterns, des Glücks begleiten dürfte, hat mich damals schon so unendlich traurig gemacht, aber das reale Gefühl jetzt, vermittelt mir eine andere Form der Tiefe. Und ich kenne Trauer, so habe ich meine Großmutter schon mit 14 bei ihrem Krebsleiden begleitet und sie dadurch verloren, meine beste Freundin mit damals 25 Jahren und auch meine andere Großmutter erst vor ein paar Jahren, so ist der Tod immer wieder unerwartet erwartet. Eigentlich fast schon unverschämt.

Ich liebe ja die Figur von Terry Pratchett Scheibenwelt, der eigentlich ja nur seinen Job macht und nicht versteht, was jedermann und -frau gegen ihn hat. Und so sagt er auch: „Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur mich.“ (Terry Pratchett, Gevatter Tod)

#318: Gelassenheit

Am 13. 02. 2017 habe ich einen ausgezeichneten Radiobeitrag auf Ö1 gehört, der sich mit dem Thema Gelassenheit beschäftigt hat und versucht nicht nur eine Abgrenzung zur Gleichgültigkeit zu skizzieren, sondern auch aufzeigt, wie sehr wir im Heute damit beschäftigt sind, gelassen zu sein. Diese Sehnsucht nach einer anderen Haltung zu sich selbst und zur Welt ist omnipräsent.

In der Philosophie findet sich die Gelassenheit in sich selbst und doch können wir anscheinend viel zu selten darauf zugreifen. Wir sind getrieben, getrieben optimal zu funktionieren und zwar schon lange nicht mehr nur durch unser berufliches Umfeld, sondern vor allem durch äußere Werte, die Menschen wie Ersatzreligionen und Ersatzwerte vor sich hertragen.

Dabei geht es viel mehr um ein Loslassen und ein Emanzipieren von festgefahrenen Bildern und Vorstellungen. Nietzsche sieht in der Gelassenheit die Fähigkeit, dass der Mensch sich selbst Werte setzen kann. Aber wo finden wir unsere Bezugssysteme? Ich habe oftmals das Gefühl, dass kleine Dinge auf einmal wahnsinnig groß werden.

Noch gesünder essen, noch gesünder leben, noch dünner werden. Wir fokussieren uns auf die Kindererziehung und tun noch mehr, besser, gesünder und planen unser Leben rund um die Verwirklichung des optimalen kleinen Menschen. Fürchten uns vor den anderen und folgen Verschwörungstheorien oder nennen sie alternative Realitäten.

Ich mag diesem Denken nicht folgen. Ich kann Heidegger durchaus zustimmen, dass Denken in rechnendes und besinnliches Denken unterteilt werden kann. Während rechnendes Denken von einer Chance zur Nächsten hetzt und nie still steht und sich selbst als auch den Denkenden „ver“waltet, so ist das besinnliche Denken von Reife gekennzeichnet und wesentlich anstrengender. Wir benötigen beide Arten des Denken, damit wir alltagstauglich sind.

Aber ich bemerke, dass ich mich heute ungleich mehr darüber ärgere, dass immer mehr Menschen sich nur mehr im Denken hetzen, als ich es früher getan habe. Werde ich alt? Vielleicht intoleranter?!

Gelassener zu leben ist in einer Gesellschaft, die sich ständig zu optimieren versucht, nicht einfach.

Natürlich will ich gesund leben, aber auch be-sinnlich.
Ich will eine gute Mutter sein und scheitere sowieso schon an meinem eigenen inneren Perfektionismus, daher sich selbst zu besinnen ist wesentlich wichtiger, als dem Mittel der anderen zu folgen.
In der beruflichen Welt will ich mein Bestes geben, ohne Angst und Druck, fast aussichtslos, wenn ich um mich herum schaue.
Und dann ist da noch die Familie und der innere Freundeskreis und ich traue mich zu sagen, dass ich hier gelassen sein kann. Durchaus anstrengend und nie einfach, um dann in seinem Nachdenken für/um/mit sie/ihnen eine Leichtigkeit zu haben, die von Gelassenheit nur so durchströmt ist.

#307: aufgeregt

Ich bin etwas aufgeregt, da ich mit dieser Woche mein Masterprojekt wirklich seriös und ernsthaft begonnen habe. Wo ich bisher eher meine Runden um die Arbeit gedreht habe, um ein Gefühl zu bekommen, ob das für mich so paßt, ob es sinnvoll sein kann und was ich mir davon erwarte, bin ich bis spät nachts an meinem Research Paper gesessen und habe daran gearbeitet. Und ein zweiter Blog ging online, in englischer Sprache, der sich mit der wissenschaftlichen Erarbeitung meines Themas auseinandersetzt.

Worüber ich schreiben will? Über Ethische Codes im Blogging. Darf das Internet wirklich alles? Können wir einen ethischen Code festschreiben, ob soll das wirklich jedem selbst überlassen sein? Ich möchte mich hier mit David Enoch Ansatz beschäftigen, der ethische Fragen und Spielregeln (sehr verkürzt) von Experten evaluiert und festgelegt sehen möchte.

Wem es interessiert: manuelabiegenzahn.blogspot.co.at

Ja, ich bin aufgeregt, sehr sogar.

#306: Nancy „shattered love“

Jean-Luc Nancy ist ein ein französischer Philosoph, Schüler von Derrida und ein Verfechter darin, dass es die Philosophie als ein einheitliches Erscheinungsbild oder Weltbild nicht gibt. Er nennt es Dekonstruktion, und will damit vermitteln, dass wir, unsere Welt und unser Denken aus Fragmenten besteht, wir sehen uns nach einem vermeintlichen Ganzen, jedoch ist sie für Nancy eine Illusion. Da wir uns in der Welt der Globalisierung und dem gegenseitigen Wettbewerb mehr ausschliessen, als zusammenschliessen.

Ich habe ein sehr grobes Bild von Nancy gezeichnet, da es mir weniger um sein gesellschaftspolitisches Denken geht, als um den Text „shattered love“, den ich gelesen habe. Wer glaubt hier einer linearen Linie folgen zu können, der irrt und so scheint es auch darum zu gehen, dass Liebe und Denken viel miteinander zu tun haben beziehungsweise Voraussetzung für das Eine, wie das Andere sind. Und wenn Nancy schreibt, dass schon so viel über die Liebe gesprochen wurde, dann hat er absolut recht, und trotzdem ist es unmöglich eine Festschreibung zu finden. So viele Essenzen, Fragmente und Erscheinungen, wie dieses Wort an den Tag legt, und doch sind sie bei weitem nicht ausreichend.

Nancy spricht nicht von „shattered love“, weil er daran nicht glaubt, sondern weil es unmöglich ist Liebe zu kennen, der nicht schon ein gebrochenes Herz hatte. Das gebrochene Herz ist dort wo eine Definition beginnen könnte, jedoch ohne jemals vollendet zu werden. Aber Nancy versteht das Beginnen auch nicht als einen Anfang oder Startpunkt, aber dort wo wir Zugang erhalten. Nancy versucht das Undenkbare in Worte zu fassen, ist aber auch sehr in der Gedankenwelt der westlichen Welt gefangen. Liebe als Sein und Sein als Liebe.

#305: Mein Held die Arabistik-Studentin

Italiener sind volksverbindend. Heute Abend habe ich die Enoteca Bortolotti (Trento) – und ich weiß noch nicht mal, ob man das so nennen darf, kann oder soll, besucht. Auf ein paar Aperol Sprizz und eben einer Piato Grande – beides übrigens sehr zu empfehlen. Der Beinschinken ist ein Traum und das italienische Personal entzückend freundlich. Dieses Lokal ist wahrscheinlich das Highlight von Kaisermühlen (neben dem Vorstadtwirt).

Und ich muss sagen, dass ich mich schon seit langem nicht mehr so amüsiert habe. Nicht nur, dass wir das ausgesprochene Glück hatten, neben einer bekennenden „Hofer“-Wählerin zu sitzen, die an dem Abend ihr „Baby“ – eine Arabistik/Islamistik-Studentin – kennenlernte, auch die „Haute-Volete“ von Kaisermühlen beehrte uns. Wobei mich die Mrs. Hofer – eine unwahrscheinlich starke und selbstbewußte Frau – am Meisten beeindruckte. Kein Fettnäpfchen war zu groß oder zu klein, welches sie siegessicher anstrebte. Aber am Besten gefiel mir, dass sie es als Schicksal empfand, dass sie justament an diesem Abend die „Muslimentante“ (O-ton zur Arabistikstudentin) kennenlernte, mit der sie übrigens seit 15 Uhr Nachmittags Prosecco trank. Wir empfanden das schon als brückenbauend.

Mr. Bodybuilding aus Kaisermühlen, der kurzweilig zwischen unseren Tischen saß, unserem und dem Arabistik/Hofer Tisch, konnte mit Zitaten aus dem Kaisermühlen Blues brillieren. Unisono waren wir uns alle einig, schlechter als heute soll es uns niemals gehen. Und schlußendlich findet Mrs. H. ihr Baby auch super, weil sie ist so schön Wienerisch und trinken kann man mit ihr auch. Eigentlich hätte ich wohl so manche Statements aufschreiben sollen. Es wäre ihr nicht gerecht geworden. Aus dem Kontext gerissen. Wer es erleben will, sollte regelmässig raus gehen und zwar nicht in die schönen hippen Bobo-Blasen (wie im Vice beschrieben), sondern dorthin, wo es weh tut. Auch wenn man die Komfortzone verlassen muss, tut es gut, es vor allem dann mit einem guten Glas Wein und gutem Essen zu tun.

Und wenn die Gräben vermeintlich tief scheinen, so sind es die Brücken, die wir bauen, um dem anderen zu ermöglichen zaghaft einen Blick rüberzuwerfen.
Zurück zur Enoteca: wirklich zu empfehlen ist das vegane Eis beim Bortolotti. Gaumensex, wie man heute so schön sagt.

Gaumensex wären dann sicher auch die zwei vermeintlich homosexuellen Araber gewesen, die wir vor der Türe getroffen haben und noch unschlüssig waren, ob sie hineingehen sollten. Für die Konstellation im Lokal unwahrscheinlich großartig. Ein jeder Kabarettist hätte seine wahre Freude gehabt, aber leider wie so oft, verbleibt einem dann nur mehr das Kopfkino.

In dem Sinne, empfehle ich wirklich aus tiefsten Herzen meinen Lieblings-Eis-Italiener Bortolloti in Kaisermühlen.

#304: Moralität in unmoralischen Szenarien Teil 2

In den letzten 3 Wochen beschäftige ich mich zwischen 1 bis 2 Stunden täglich mit einer Situation in der Klasse meines Juniors, die für die Kinder, Lehrer und Eltern zu einer täglichen Belastungsprobe werden. Ich bin Elternvertreter-Stellvertreter und somit Sprachrohr der Eltern und in nächster Konsequenz der Kinder.

Ein Kind ist in der 1. Klasse Volksschule auffällig. Zu Beginn waren es Kleinigkeiten mal ein bisschen schimpfen, schubsen und stören. Seit 3 Wochen jedoch eskaliert täglich die Situation in der Klasse. Ein 7jähriger der keinerlei Grenzen gegenüber Lehrer und Kindern mehr wahrnehmen kann. Kinder und Lehrer werden bespuckt, nass gespritzt und mit Wasser übergossen. Der Sprachgebrauch von „Halt die Fresse, A…“ ist wohl noch das Harmloseste. Wesentlich dramatischer sind die physischen Übergriffe von Judowürfen und Schlagen.

Lehrer und Eltern (nicht nur ich) sind täglich Gast in der Direktion und haben auch schon mit den Eltern des betroffenen Kindes gesprochen, dass offensichtlich eine Störung hat. Suspendierungen dürften eigentlich erst ausgesprochen werden, wenn tatsächlich etwas passiert „passiert“. Unterstützung der Lehrer und Schule ist angefordert, aber dauert. Der Mangel an Schulpsychologen und Unterstützungslehrern spüren wir täglich. Unsere Kinder sind in einem unmoralischen Szenario gefangen und wir Eltern versuchen immer noch das Richtige zu tun. Das Richtige für unsere Kinder und auch das Richtige für dieses Kind. Aber wie weit dürfen wir es kommen lassen?

Alleine wenn ich mir die Situation durch den Kopf gehen lasse, überlege, was schon alles passiert ist, frage ich mich, wieso die Eltern des Kindes nicht handeln? Ist es ausreichend jederzeit verfügbar zu sein, um das Kind aus der Schule abzuholen? Ist es ausreichend sich den Eltern und Kindern zu stellen, um freundlich zuzuhören? Ich beneide diese Eltern nicht. Ich frage mich wie hilflos und machtlos ich mich fühlen würde.

Für Situationen, wie diese gibt es keine Handlungsanleitung, die wir – Kinder, Lehrer und Eltern – benötigen würden. Wie können wir moralisch richtig und verantwortungsvoll handeln? Ist der Weg zum Stadtschulrat um die Bürokratie in Gang zu setzen der richtige Weg? Wir verlieren nur wichtige Zeit, weil von oben geht wieder alles nach unten, um dann wieder hinauf zu wandern.

Heute morgen sind mein Junior und ich mit Bauchweh in die Schule gefahren, weil wir nicht wissen, was heute wieder alles passieren kann. Kein gutes Gefühl gefangen zu sein.