#346: Il fornaio da Stefano in Beausoleil

Wenn man an die Cote d’Azur reist, wollen viele die Reichen und Schönen sehen. Yachten, Lamborghinis, Silikonbrüste, Hyalloronlippen, Extensions und hautenge (nicht immer optimal sitzende) Glitzerflitzer – all‘ das waren amüsante Nebenprodukte unserer Must-sees and To-Dos.

Ich habe meinen Chagall gesehen, Miro ebenfalls und auch Matisse. Bin durch die Lavendelfelder gegangen und habe Olivenöl verkostet und die Sonnenblumen van Goghs einzufangen. Bin auf den Plätzen der Päpste gewandert und habe arabische, italienische und gotische Einflüsse in der Architektur bewundert.

Man muss sich nicht dem schönen Schein folgen, sondern sich in kleinen Gassen auch in St. Tropez verlieren und dort mit den Einheimischen auf kleinen Plätzen mit ein paar Tischen den lauen Abend geniessen.

Geniessen ist ganz einfach in der Provence und gutes Essen zu finden eigentlich auch. Aber eines meiner persönlichen Highlights war das Il fornaio von Stefano. Beausoleil heißt die Ortschaft, die oberhalb von Monaco liegt. Oberhalb bedeutet, dass geht man ein paar Hundert Meter weiter und ein paar Stiegen hinunter ist man schon nicht mehr in Frankreich, sondern in Monte Carlo. Ein fliessender Übergang und nur die Änderung des Mobilfunknetzes weißt einem daraufhin, dass man im Land der niedrigen Steuersätze ist, im Land des Piraten- bzw. Raubritterfürsten (natürlich nur geschichtlich gesehen) und der Luxusautos, die im Kreis fahren.

Das Il fornaio ist ein Feinkostladen mit ein paar Tischen drinnen und welchen auf dem Gehsteig. Der Besitzer und Chef Stefano ist Italiener und Chefkoch und führt dieses entzückende Restaurant mit seiner Frau Victoria. Nicht nur, dass die Produkte sensationell und qualitativ hochwertig sind, werden sie auch vom Chef mit viel Liebe und Leidenschaft zu bereitet. Und es gibt guten Kaffee, nämlich wirklich guten Kaffee, etwas was die Südfranzosen, trotz ihrer Nähe zu Italien nämlich nicht können. Und Stefano hat sich Zeit genommen, um mit uns zu plaudern, dem Hund nicht nur Wasser anzubieten, sondern auch Ragu, und dem Junior Rede und Antwort zu stehen, welche Autos er nämlich schon gesehen hat. Es war, wie ein Ankommen bei Freunden, obwohl wir das erste Mal dort waren.

Jederzeit wieder.

https://www.ilfornaiobeausoleil.com/

#345: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 3

Ich schreibe ja für mein Leben, nämlich nicht nur gerne, sondern auch für Geld und in Zeiten wie diesen, ist es weniger. Viel weniger, aber Gott sei Dank – wobei ein Danke in diese Richtung in Zeiten wie diesen eher vergebene Liebesmüh sind – gibt es noch ein paar kleine und feine Aufträge. Aber mein Junior schaut auf mich und ist jetzt mein Hauptauftragsgeber.

An unserer Schule gibt es ja eine Art Freiarbeit und ich gebe zu, dass meine 16 jährige pubertierende Tochter sehr gut damit umgehen kann. Bis auf ein paar Schritte aus dem dunklen Zimmer sehe ich sie so kaum bis gar nicht. Heute habe ich sie gebeten doch Tageslicht in ihr Zimmer zu lassen, das das Arbeiten dann leichter fällt, sie hat dann die Jalousie doch tatsächlich 20 cm hinaufgerollt. Kurz habe ich befürchtet, dass sie zum Rauchen beginnt oder zu Staub zerfällt.

Die Erwartung, dass aber Freiarbeit bei einem 10 jährigen funktioniert, auch wenn er sie schon quasi 1 x gemacht hat, mag bei den Lehrern und Lehrerinnen hoch sein, ist jedoch eine Illusion. Wir machen noch immer täglich eine To-Do-Liste.

Ich bin in meiner persönlichen Hölle angekommen.

Und arbeiten dann täglich die Vorgaben ab. Ich erkläre ihm, dass auch, wenn es zu Beginn nach viel aussieht, es dann doch nicht sooooo dramatisch ist. Wir verbringen fast täglich mindestens 30 Minuten damit zu diskutieren, ob er das jetzt machen soll oder nicht. Wobei die kreativen Dinge, wie Videos machen oder Basteleien, die könnte er immer machen. NUR gibt es nicht nur kreative Videos, sondern Konstruktionen, Aufsätze und Skizzen.

Apropos Skizzen! Mich hat ja schon letzte Woche meine Freundin P gewarnt, dass wenn er zeichnen muss, ich einfach wegschauen soll. Der Drang dem Kind den Bleistift aus der Hand zu reissen, ist fast schon selbstzerstörerisch. Der Jr hat am Samstag eine Skizze zu Van Goghs Sonnenblummen machen müssen. Das Gute ist, dass er dieses Bild in London gesehen hat, das Schlechte ist, dass ist lange her. Das Gute ist, ich habe mir Ps Warnung zu Herzen genommen, das Schlechte ist, ich habe es nicht ganz geschafft und habe ihm zwar nicht den Bleistift aus der Hand gerissen, aber das Blatt und ihm ein Neues hingelegt.

Was es gibt auch Gutes zu berichten. Er schreibt sensationelle Emails mit seiner Englisch Professorin. Und zwar wirklich wirklich. Und er macht das gerne und freiwillig und ohne Murren. Vielleicht liegt es daran, dass er schreiben darf, dass er Marvel super findet und welche Filmfiguren seine Helden sind. Aber das ist mir ganz gleich.

#343: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 1

Am ersten Tag der verordneten Quarantäne sind der Junior und ich am Laptop gesessen, um alle Lernunterlagen, Aufgaben und Unterlagen herunterzuladen. Am meisten hat dem Junior gefallen, dass er jetzt am Laptop mit Kindern und Lehrern digitale Nachrichten austauschen konnte.

Wir haben auch den Rucksack und das Stoffsackerl mit den ganzen Heften und Mappen ausgeleert. Obwohl ich wohl Altpapier-Sammelstelle sagen sollte, weil so viele zerknüllte Zettel und Mitschriften finde ich meistens gegen Ende eines Semestern. Er meinte, dass er Streß hatte schnell alles zusammenzufinden. Ich hatte Streß nicht zu laut zu werden, und meinen Ärger zu offensiv zu zeigen (es war ja erst der erste Tag und wohin sollte das führen). Ich bin daran gescheitert.

Also faltete, kopierte ich und lud alle relevanten Daten herunter, um diese mit dem Junior zu sortieren. Dann haben wir eine To-Do Liste gemacht und einen Wochenplan. Ich gebe zu, alleine das Wort To-Do Liste und Plan haben eine äußerst abschreckende Wirkung auf mich. Sie sorgt für Kurzatmigkeit und vollkommene Unwilligkeit. Etwas was ich natürlich nicht dem Junior zeigen kann, weil es ist ja so wichtig, dass er alles rechtzeitg und den Vorgaben entsprechend abgeben kann. Mich selbst zu organiseren ist ein chaotisch kreativer Prozess und durchaus eine Herausforderung für meine Umgebung.

KOCHEN, verdammt KOCHEN hatte ich fast vergessen. Jetzt wo alle zu Hause sind, ändert sich auch diese Routine. Aber es gibt Nudeln – und zwar die, die ich eh schon zu Hause hatte und ich habe immer viel Nudeln zu Hause, weil der Junior Penna e olio, Linguini e olio, Spaghetti e olio meistens ißt.

Ich gehe die Aufgaben durch und stelle fest, dass das wirklich viel ist. Es sind drei Wochen, das ist mir bewußt, aber trotzdem muss ich meinem Kind den Unterschied zwischen einem Relativpronomen und Demonstrativpronomen erklären, vor allem, weil er es (lt. ihm) noch nicht gelernt hat. Was mir wirklich den Pulsschlag ausschlagen läßt, ist das er Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ und Schillers „Ring des Polykrates“ auswendig lernen muss. Der Junior ist in der ersten Klassen eines Gymnasiums! Meine Prinzessin begann mit vielen dieser Gedichte in der dritten Klasse eines Gymnasiums, die durchaus hohe Ansprüche an ihre SchülerInnen hatte.

Aber ich verwehre mich gegen stures Auswendiglernen ohne das Gelesene zu verstehen, interpretieren zu können, zu verstehen, warum und was geschrieben steht. Durchatmen ist die Devise und den Junior motivieren, ganz einfach neben Job und pubertierender Prinzessin, die mich immer wieder gerne in ihrer emotionalen Achterbahnfahrt mitnimmt.

Das Glück war, dass obwohl ich sie immer wieder herunterief, um zu fragen, wie es bei ihr läuft, ich nur selten wirklich angsprochen wurde. Die Kommunikation zu ihr lief recht einseitung und kurz, mit „gleich, nein, gleich, ok, gleich, nein, gleich …“. Dafür ist sie umso kommunikativer mit ihren FreundInnen, die über Houseparty (sie war ganz begeistert, dass sie schon vor 3 Jahren diese App hatte, aber jetzt ist sie wirklich cool) miteinander reden, lachen und sich austauschen, während nebenbei irgendwelche Filme laufen, der Laptop für Schulsachen aufgeklappt ist.

Es wird abends und bin so erschöpft und lese kurz in der sozialen digitalen Welt, was wir jetzt nicht alles machen könnten. Yoga, Bücher lesen, zum Malen beginnen, Frühjahrsputz uvm und ich frage mich, was ich jetzt wertvolles für mich tun kann, ein Glas Wein trinken oder schlafen gehen. Ich entscheide mich für letzteres.

#339: Marvel vs. DC

Auch wenn die Überschrift so klingt, als hätte ich eine Ahnung, das täuscht. Ich kenne mich anscheinend gar nicht aus, beziehungsweise war mir nicht bewußt, dass es so wichtig ist Comic Helden in verschiedene Kategorien einzuteilen.

Ich bin mit Batman und Robin, Superman, dem A-Team, Hulk oder He-Man aufgewachsen, aber ja nur im Fernsehen. Hätte ich damals Comic-Hefte gelesen, wäre mir diese Unterscheidung vielleicht klarer gewesen. Auf jeden Fall hat mich meine Tochter letztens entsetzt angesehen, als ich nicht wußte, wer wohin gehört. Thor zu Marvel, Ironman auch und Flash ist zum Beispiel DC, welchen ich irrtümlich Marvel zugeteilt hätte, da er auch so einen roten Ganzkörper-Stretch-Anzug hat, wobei das ja bei Ironman nicht stimmt. Und vielleicht liegt hier auch der wesentliche Unterschied. DC hat figurbetonte Latex (Fetisch) Anzüge und Marvel … nein so einfach ist es dann auch nicht, weil Spiderman ist eine Marvel Figur und hat auch so einen Anzug.

Ich meinte, dann ob das nicht gleichgültig ist, weil es gibt Helden, die cool sind und andere weniger (Captain America und Flash). Mehr habe ich in dieser Diskussion nicht gebraucht, die anwesenden Wissenden sind wie eine Horde mutierte Gremlins über mich hergefallen. Wobei die unter 30 jährigen nicht einmal wußten, wer oder was die Gremlins sind bzw. waren. Und das war dann mein Einstieg in diese Diskussion, um endlich mein Wissen rund um die TV-Shows der 80er/90er einfliessen zu lassen.

Ich habe quasi das System von Innen torpediert und meine Tochter und die anderen in den Wahnsinn getrieben. Es war mir ein Volksfest mit meinen erwachsenen Mitstreitern Über Gremlins zu sprechen, He-Man als den wahren Master of the Universe anzuerkennen oder davon zu schwärmen, wie Lois Lane eigentlich die wahre Heldin war, bei den Abenteuern von Lois und Clark. Besonders gelacht haben wir dann auch über die Bum, Zacks bei Batman und Robin, M.A.S.K oder Ninja Turtle Heroes.

Meine Prinzessin meinte dann nur lakonisch ich bin peinlich, vor allem, weil ich bei Ironman meinte, dass ich Robert Downey Jr. schon immer süß fand, ganz gleich, ob er ein Marvel Held ist oder nicht. Und wer mehr wissen will findet unter: http://marvel.com/characters/browse bzw. http://www.serienoldies.de/serien/80er/ oder http://www.dccomics.com/characters alles Wissenswerte.

#338: 1 1/2 Monate sozialtot

Vor 1 1/2 Monaten kam ich am Sonntag nach Hause und erlebte meine Tochter – bald 14 – aufgelöst und voller Zorn, wie sie auf ihrem Handy herumtippte und wischte, wenn man das den so bei einem Smartphone sagen kann. Auf meine Frage, was den los wäre, kam nur ein Schnauben und ein hervorgepresstes „Ich lösche alle Social Media Apps, A L L E S !“

Ich gebe es zu, ich habe es nicht ganz ernst genommen und fragte nur, was den jetzt schon wieder passiert wäre. Weil in letzter Zeit gab es immer wieder Stress, weil sie (meine Prinzessin) nicht irgendein Bild geliked, markiert, kommentiert oder gepriesen hätte. „Warum setzt du keine Herzerl unter mein Bild? Hast du mein Bild nicht gesehen? Ich posiere wie die Stars, warum hat die S. trotzdem mehr Follower?“ Vor allem die Umfragen waren immer unterhaltsam „Findest du mich hübsch?“ mit den Antwortmöglichkeiten „JA“ und „JA sehr“, ist somit das Ja das neue Nein?

Und die Flammen sind sowieso das Non-Plus-Ultra bei SnapChat, die Kids fühlen sich gezwungen täglich Bilderchen zu schicken, damit sie die Flammen nicht verlieren, die sie untereinander sammeln, täglich und alle 12 Stunden notwendig (lt. den Kids). Die Prinzessin hatte einmal um die 200 Flammen mit einer Freundin, dh. täglich 200 Tage lang (damals war der Rhythmus noch mit 24 Std. von Snapchat vorgegeben) zumindest einen Snap. Und dann ist man krank (zumindest so, dass man kein Handy bedienen kann), hat keine Lust, Durchfall (ok, das hält niemanden ab, es gibt ja auch WLAN am Klo), … und alles ist weg. Jede einzelne Flamme, 200 unwichtige Nichtigkeiten umsonst verschickt.

Und wir wundern uns, dass die Informationsaufnahme beschränkt ist, woher soll noch jemand wissen, was wirklich wichtig ist, wenn Flammen das um-und-auf sind.

So viele Kleinigkeiten die für die Prinzessin mehr Stress bedeuteten, als Spaß oder Lust mit anderen etwas zu teilen. Und somit dauerte es einen ganzen Sonntag, um jedes einzelne Bild auf Instagram zu löschen, jeden Abonnenten, jedes Abonnement zu entfernen. Apps zu deinstallieren und sein Handy clean zu bekommen. Und jetzt ist sie seit 1 1/2 Monaten sozialtot. Die Prinzessin kannte nicht einmal den Ausdruck sozialtot, bevor mein Bruder – der auch sozialtot ist – es ihr erklärte.

Gestern haben wir darüber gesprochen, wie es ihr so geht, ohne diese Medien und sie meinte, dass es am Anfang schon schwer war und sie das Gefühl hatte, etwas fehle ihr oder sie würde sogar etwas verpassen. Aber mittlerweile ist es kein Problem mehr, im Gegenteil sie meinte, dass Freundinnen oder auch manche Klassenkolleginnen jetzt wieder persönlich auf sie zukommen und viel mehr geredet wird. (Wie erschreckend, dachte ich nur.)

Ich bin wahnsinnig stolz auf sie und es ist mir auch nicht wichtig, ob sie morgen oder heute wieder alles aktivieren würde, wenn es ihr Wunsch wäre. Vielmehr hat es ihr Bewusstsein im Umgang mit sozialen und digitalen Medien geschärft und ihren Blickwinkel verändert.

#337: Dorfer „und …“

Ich gebe es zu, ich war und bin seit jeher eine begeisterte Zuhörerin des Alfred Dorfers. Bissig, zynisch, pointiert politisch und durchaus auch flach unterhaltsam, aber vor allem ein bisserl böse.

Im neuen Kabarettprogramm findet man von allem ein wenig, wobei das Politische ist nur in den Zwischentönen hörbar, auch wenn Dorfer einmal zornig meint, dass wir uns endlich von dem Links-Rechts Geschwafel lösen sollen. Es geht nämlich nicht darum WER was sagt, sondern Wer Was sagt. Überhaupt war sein jetziges Programm philosophisch bestückt, da er neben Descartes auch Platon mit seinem Höhlengleichnis bemüht. Man merkt, dass sein Zorn den Sophisten gehört, den Halbintellektuellen, die „alles“ wissen und somit auch „alles“ kommentieren können, vor allem, wenn es eine Studie belegt, oder der intellektuelle Boulevard (der Standard) so schreibt.

Die Prinzessin war auch erstmals in einem Kabarett und trotzdem sie eigentlich sich zwangsbeglückt fühlte, hat ihr ihr erster Ausflug in die zynisch-böse Welt des Wiener Kabaretts gut gefallen. Etwas ertappt fühlte sie sich wohl beim deutschen Migranten, der von hoch gehen (nach oben gehen) spricht. Auch der Bleistift-bestückte Vortragende versus dem Power-Point-Bildzeiger hat sich nachdenklich gestimmt, da es schon seit Jahren in ihrer Klasse üblich ist, jegliches Referat, jegliche Präsentation oder jede „ich-mach-mich-wichtig“ Buch-Personen-Ereignis-Vorstellung durch animierte Bildschirmpräsentationen (und wenn ich animiert sage, meine ich animiert, da hüpft jeder Bullet-Point ins Bild) zu machen. Als wir dann nach Hause gingen, meinte sie, dass es wohl doch eine gute Idee von uns war, sie mitzunehmen.

#331: es ist so weit

Vorgestern hielt ich meiner Prinzessin die fast neuen schwarzen Sneakers unter die Nase und sagte:“So will ich, dass die Schuhe aussehen.“

Davor bin ich mit Schuhputzzeug bewaffnet und der Glanzbürste in der offenen Türe gesessen und habe die Schuhe geputzt. Eigentlich eine traumatische Erinnerung für mich, da mein Vater seine und unsere Schuhe wöchentlich putzte, ganz gleich, wie schmutzig oder sauber sie waren. Weil seine Schuhe waren immer sauber und glänzend, während die Meinigen und die von meinem Bruder im Staubmantel eingehüllt waren und immer so grau-schwarze Flecken aufwiesen. Und jedes Mal nach diesem Putzen, welches wir von der Aussenlinie mitansehen mussten, damit wir auch lernen, wie das Schuhputzen funktioniert, sagte mein Vater: „So will ich, dass die Schuhe aussehen.“ Und jedes Mal verdrehte ich gefühlt tausend Mal die Augen, weil ich mir dachte, dass sie doch eh gleich wieder in Staub gehüllt sind.

Und dann passiert mir das! Ich übernehme diese Angewohnheit meines Vaters, der seine Schuhe selbst jetzt noch regelmässig putzt, die er anscheinend schleichend in mich eingepflanzt hat. Es passierte langsam und ohne jeglichen Hinweisen. Ich merkte einfach, dass nachdem meine Prinzessin die gleiche Schuhgröße, wie ich hat, es mich störte, dass wenn sie meine/unseren Sneaker anzog, sie sowohl ausgebeult als auch schmutzig waren. Ok, ich schlupfe auch gerne in zugemachte Schuhe hinein, aber ich mache das vorsichtig, glaube ich zumindest. Wenigstens das hat sich nicht geändert.

Der Schuhputz-Fetischismus hat sich zumindest nicht zur Gänze übertragen. Ich verwende keine Strecker und fahre auch nicht durch Wien, um Colonil (wer es noch kennt) zum Putzen zu kaufen. Aber wenn ich meinem Papa erzählen würde, dass ich für die Innensohle bei Sommerschuhen eine Pflege habe, wäre er wahnsinnig stolz auf mich, weniger, dass ich sie kaum bis selten nutze. Überhaupt bin ich viel lockerer, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Nur wenn die Prinzessin meine Schuhe ausborgen will, dann hole ich gerne die Weisheiten meines Vaters hervor.

#330: kleine Schritte und Riesensprünge

Ich habe kein neuro-typisches Kind, dass ist der fachliche Ausdruck dafür, dass der Jr eben anders tickt, als eben typische Kinder. Und das bedeutet, dass wir uns in sehr kleinen Schritten vorwärts bewegen, was soziale Kompetenzen und das Erlernen dieser betrifft. Und eigentlich sind es gar keinen kleinen Schritte, aber als Elternteil mit einem nicht neuro-typischen Kind ist man einfach vorsichtig, hat Angst davor sich zu sehr zu freuen, zu optimistisch zu sein, aber vielleicht bin das auch nur ich. Ich, weil ich meine Erfahrungen habe und wir hart daran arbeiten, dass der Junior seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft findet, der ihn vor allem glücklich macht.

Und letzte Woche war auf einmal der ganze Erfolg, die ganze Arbeit mit einem Mal scheinbar weg. Es tut auch nichts zur Sache, was passiert ist, sondern diese Ohnmacht versagt zu haben, sich verloren zu fühlen und ich habe einfach nur geweint. Wer auch immer behauptet, dass Tränen die Seele reinigen, also bei mir war es definitiv nicht so.

Aber keine Sorge dieser Beitrag wird kein Verzweiflungs-Alles-Furchtbar-Beitrag, und das liegt nicht nur daran, dass eigentlich eh alles nur halb so schlimm war, sondern daran, dass vor allem mein nicht neuro-typisches Kind meine Not gespürt hat, dass er über sich hinausgewachsen ist und meine Hand genommen hat, um mir zu zeigen, dass wir das schon schaffen.
Und gestern als ich mit den Therapeutinnen seiner kleinen Autistengruppe gesprochen haben, erzählten sie mir davon, dass der Bub O, der auch motorisch seine Schwierigkeiten hat, beim Aufstehen sich sehr schwer getan hat, aber niemanden etwas sagen wollte. Während die anderen Kinder ihr Picknick genossen, hat mein Kind beobachtet, wie unsicher O war. Er stand auf, hielt ihm die Hand hin und begleitete ihn einen Stück des Weges und ließ seine Hand los, als er merkte, dass er es jetzt alleine schafften. Beide Therapeutinnen waren gerührt, und ich glaube, wir hatten alle drei Tränen in den Augen. Er ist ein Jackpot sagte die Eine, der der ihnen zeigt, warum sie ihre Arbeit so gerne machen.

Er ist auch mein Jackpot und alles andere werden wir lernen, weil nicht nur Er die Sprache unserer Gesellschaft lernen muss, sondern auch ich, dass meine Welt viel zu oft kleine Schritte sieht, als die Riesensprünge, die wir alle leisten.

#326: Der Feind in meinem Kopf

Heute war ich mit meinem Junior am Mexikoplatz um nach einen Finger Spinner Ausschau zu halten. Der Mexikoplatz war schon seit jeher der Umschlagplatz für die Sachen, die es sonst nirgendwo gibt oder die es sonst nirgendwo um den Preis gibt. Und Finger Spinner sind jetzt Frühjahr 2017 das Spielzeug, das irgendwie jeder haben will. Da sogar die Therapeutinnen unserer Aspergergruppe von diesem Spielzeug schwärmen, habe ich sogar ein gutes Gefühl mich auf die Jagd nach dem ausverkauften Spielzeug zu machen.

Somit waren wir heute am Mexikoplatz beim Lauf und Kauf und haben dort Spinner (ja mehrere, damit sich die Prinzessin nicht benachteiligt fühlt, weil selbst mit 13 Jahren ist man für Trends nie zu alt) erstanden. Aber eigentlich geht es bei meiner Story gar nicht um die Spinner oder den Mexikoplatz, sondern darum, dass mein Junior mich beim Verlassen des Geschäfts gefragt hat, ob das Türken wären, die dieses Geschäft betreiben. Auf meine Frage, wie er darauf kommt und ob das einen Unterschied machen würde, meinte er nur, nein, er fand den jungen Mann total nett und er nur wissen wollte, ob das ein Türke gewesen sein könnte. Ich sagt ja, dass es schon möglich ist. Aber sicher weiß ich es natürlich nicht, da ich ihn nicht gefragt hätte.
Mein Sohn meinte dann nur, dass für M. und F. (zwei Burschen in seiner Klasse) die Türken ihre Feinde wären.

Ich denke, dass er sich Feinde einfach anders vorgestellt hat, was mich einerseits sprachlos machte. Wie erklärt man einem 7jährigen die Worte Toleranz, Respekt und dass wir hier in Wien keine Angst vor Feinden haben müssen. Vielleicht davor, dass der Feind in den Köpfen vieler zu real wird und die Angst mit den Schlagworten unserer Eltern, Großeltern, Nachbarn oder der Kronenzeitung hausieren geht.

#325: Magersucht

Dieses Wochenende erzählte mir meine 13 jährige Tochter, dass eine Schulfreundin aus der Volksschule letztes Jahr im Spital lag. Mit 12 Jahren mußte sie für ein Monat in ein Krankenhaus, da sie an Magersucht leidet. Ich kenne dieses Mädchen und es war eigentlich immer recht dünn, groß und schlaksig und bei weitem davon entfernt gewesen „dick“ zu werden. Beim letztjährigen Sommerfest der Volksschule, wo sich die Ehemaligen getroffen haben, war schon zu erkennen, dass vor allem die Mädchen einen Schritt in Richtung junge Frau zu unternehmen versuchten. Die ersten Schminkversuche, Haarstylings oder extravaganten Fashion-Statements riefen den anderen Kindern zu, seht mich an, ich bin kein Volksschulkind mehr, sondern so jugendlich cool.

Aber ich gebe zu, dass ich trotzdem nicht im Entferntesten daran gedacht hätte, dass so junge Mädchen schon einen Magenwahn entwickeln würden. Für mich war das eher ein Thema ab 15/16 und eben noch älter. Heute leidet jedes dritte Mädchen schon unter Magersucht, ein erschreckendes Phänomen, da ich ganz viele Freundinnen meine Tochter kenne und wenn ich hier beginne durchzuzählen …

Und ich darf mein Mädchen nicht vergessen. Mein Glück ist, dass sie zum Beispiel die Klums-Shows dieser Welt nicht ansieht, noch nie, und nicht, dass ich den Klums dieser Welt die Schuld gebe, jedoch sind die Spiele um Schlankheit um jeden Preis, wie die Tribute von Panem, die mit der besten Show wird gewinnen. Trotzdem ist sie, wie auch die anderen, mit ständigen neuen besseren Ernährungskonzepten konfrontiert. Detox da, Veganismus hier, Zucker pfui, Low Carb hui, um nur einige der Themen zu nennen.

Gerade durch dieses Extrembeispiel haben wir bewußt versucht über das Schlanksein zu reden, und warum frisches, gesundes Essen wichtig ist, aber auch wie wunderbar Schokolade, Eis oder Chips sind. Das Gute ist, dass meine Prinzessin Essen genießt und sie es nicht verstehen kann, wie man nicht mehr essen will. So hat ihr ihre Freundin zurückgeschrieben, dass sie zwar wieder zu Hause ist, aber das mit dem Essen ist nicht so einfach, weil sie es nicht gewöhnt ist.

Wir als Erwachsene sind viel zu oft ein negatives Vorbild, indem wir die x-te Diät machen, nicht zuhören und vielleicht es auch nicht ernst nehmen, wenn vom perfekten Körper gesprochen wird. Was ist schon perfekt? Und da hilft es auch nicht zu sagen, dass es einmal die Rubensfrauen waren. Heute ist eben heute und da geht es um den Abstand zwischen den Oberschenkeln, dem flachen Bauch, den festen Brüsten und so weiter und so fort.

Ich stelle mich manchmal nackt neben meine Tochter und zeige ihr, wo ich mich auch nicht so besonders mag, aber dass die Natur nun einmal in Absprache mit meinen Essgewohnheiten sich dazu entschlossen hat (klug von mir die Verantwortung auszulagern *grins*) eben ein Bäuchlein zu bilden, Dellen in den Oberschenkeln zu haben oder Winkeärmel vorweisen zu können. Und ich hoffe, dass meine Prinzessin das Essen mehr liebt, als den Schlankwahnsinn.