Archiv der Kategorie: Kinder

Die Mitte finden

Letztens war ich bei einer Heilmasseurin, die mir von meiner lieben Freundin S. schwer empfohlen wurde. Wie es sich für gute Freundinnen gehört, hat sie mir schwer in den Hintern getreten, dass ich endlich was mache. Ich wurde nämlich Mitte August von einem Auto als Fußgängerin angefahren.

Auch wenn ich kurz abschweife, so ist es beeindruckend, was ein Gehirn und Instinkte so leisten können. Ich bin mit meinem Jr. über eine Straße geganen (ungeregelte Kreuzung) und habe aus dem Auge ein Auto in der Ferne wahrgenommen, aber weit genug weg, um sicher über die Straße zu kommen. Als wir wir schon einige Schritte auf der Straße waren, merkte ich, dass das Auto nicht wirklich langsamer wurde, sondern eher gleichbleibend – wahrscheinlich weil die Ampel an der anderen Kreuzung grün war (nur eine Hypothese oder Erfahrungswert) – und ich hob die rechte Hand um uns sichtbarer zu machen. Im nächsten Moment wußte ich nur, dass ich mir dachte, dass geht sich nicht mehr aus. Und dann mußte ich wohl alles nur noch gleichzeigt gemacht haben. Kind auf die Seite schieben, weil es ging genau auf der Seite von der das Auto kam, mich auf die Seite drehen, damit ich nicht von vorne angefahren werde. Spürte das Auto links an der Hüfte, rollte mich über den rechte Seite ab und was für mich das schlimmste war, war dass ich auch mit dem Kopf aufkam und liegen blieb und Angst hatte, dass das Auto sich weiterbewegen würde.

Natürlich hat der Autounfall Spuren hinterlassen, nicht nur körperlich. Auch die Gehirnerschütterung macht den Alltag nicht immer einfach. Es ist frustierend, wenn einem die einfachsten Worte nicht einfallen. Motorhaube! Ich musste zu Beginn meinem Radiologen erklären, wo meine Hüfte aufgeprallt ist. Er meinte, ich soll mich nicht stressen, das wird wieder. Die Worte kamen wohl bei mir an, aber es ist trotzdem so unglaublich so einfach Worte nicht zu finden, kein Wortbild von ihnen zu haben.

Und dann steht man per Zufall vor so einer Motorhaube (ich am Gehsteig und das Auto parkte), die das gleiche Markenzeichen fett vorne prangen hat, die die gleiche Farbe hatte, mir entgegenschrie und das einzige, was ich machen konnte, war stehen zu bleiben. Und es ist so, wie es in Geschichten steht. Man hält den Atem an und es scheint, als würde die Welt stehen bleiben und alles um einen herum fokussiert sich nur auf dieses Ding vor mir. Und genauso schnell ging dieser Moment auch wieder vorbei. Ich atmete durch und stellte mich dem Ungetüm der Angst. Mir wurde bewußt, dass sowohl ich aber vor allem mein Sohn Glück hatten. Es hätte auch alles ganz anders ausgehen können. Was sind da ein paar Wörter die fehlen.

Meine Therapeutin hat es auf den Punkt gebracht, sie bringt mich wieder in die Mitte. Auch wenn sie meine vorderrangig meine Hüfte meinte. Sie hat absolut Recht. Ich will wieder meine Mitte finden und das ist gar nicht so einfach, weil es diese Mitte nur vage gibt. Es ist weder ein fixer Ort noch hat einen absoluten Punkt in meinem ureigenen System. Aber zumindest ist meine Hüfte ausgerichtet. Nur mein Kopf will nicht immer so, wie sie oder ich will, nämlich seine Zentrierung finden.

#352: Rosen erblühen in Malaga

Olé

Schon länger habe ich vor mich von meinem Vater auch schriftlich zu verabschieden und als ich letztens dieses Lied im Radio gehört habe, nahm ich Cindy und Bert zum Anlass meinen Erinnerungen Platz zu geben.

Überhaupt scheint es, dass mein Unterbewußtsein all‘ diesen alten Texte hervorgrabt, vor allem wenn es so scheint, als ob ich vom deutschen Schlager der 60er und 70er Jahre verfolgt würde. Psychologisch gesehen ist es einfach, mein Gehirn ist selektiv und nutzt die Möglichkeiten – im Auto switche ich immer wieder zu Radio Burgenland (!) und NÖ – die sich ihm bieten.

Memories of Heidelberg sind Memories of you und von dieser schönen Zeit, da träum ich immerzu. Mein Vater war leidenschaftlich, wenn es um Musik ging. Am Sonntag hörte er liebend gerne Marschmusik im Radio und wenn ich heute in der Stadt unterwegs bin und es der Zufall will, dass auch eine Marschkapelle spielt, bleibe ich stehen und höre zu.

Mein Vater hat es mir ermöglicht eine Breite an Musik kennenzulernen, die bei Glen Miller beginnt und nie zu Ende geht. Ich habe jetzt überlegt, wo ich ein Ende setzen wollte, sollte oder könnte, aber es gibt keines. Im Geiste gehe ich all‘ die hunderten Single Platte durch, die ich von ihm habe und auch dort ist alles wild durcheinander.

Er hatte immer erzählt, dass ich schon in der Krippe nur bei Musik aktiv geworden bin und vor allem La Paloma Blanca eines meiner Lieblingslieder war. Ich habe auch lange vorher getanzt bevor ich einen Schritt gegangen bin.

Väter sollten Helden sein und in diesem Fall war mein Vater mein MC Held.

Das er nicht überall ein Held war, ist einfach oft dem Leben geschuldet und vor allem außerhalb unserer (und ich meine die meines Bruders oder meiner) Reichweite und Möglichkeiten. Man liebt deswegen nicht weniger. Und die Traurigkeit manifestiert sich in Kleinigkeiten der Erinnerungen an meinen Papa. Und es sind diese Erinnerungen an denen ich auch festhalten mag. Schöne, lustige und absurde Erinnerungen, die einem ein inneres Lächeln geben.

Eine solche absurde Erinnerung steht jetzt auch in meinem Wohnzimmer. Ich habe es nicht über das Herz gebracht die Westminster Tischuhr wegzugeben. Schon meine Großmutter hatte so eine Uhr bei sich in der Wohnung stehen und mein Vater hat sich dann auch eine gekauft. Natürlich manuell aufzuziehen mit einem herrlichen Glockenwerk, welches jede viertel Stunde uns verkündet, dass eine viertel Stunde vergangen ist. Die Meinungen in meinem Haushalt sind geteilt und vor allem die Prinzessin ist am lautesten, wenn sie mir mitteilt, wie sehr sie diese Uhr haßt. Ich bin noch indifferent und habe meinem Bruder schon angedroht, dass diese Uhr irgendwann einfach bei ihm steht und er sie aufzuziehen hat. Und wenn die Uhr Glück hat, steht sie irgendwann dann beim Nachwuchs, weil es genau diese Erinnerungen sind, die bleiben und Geschichten erzählen.

In ewiger Erinnerung an meinen Master of Ceremonies.

#351: My home is my Castle

Ich habe von einigen gehört, dass sie die Zeit gerade dazu nutzen, um auszusortieren, zu putzen, es sich gemütlich zu machen. Wir erleben eine neue Biedermeierzeit und zwar auf vielen Ebenen.

Letztens erst wieder habe ich einen kritischen Blick durch mein Wohnzimmer streifen lassen, um einerseits in tiefste Verzweiflung zu verfallen und andererseits mich selbst zu bemitleiden, warum ich nicht ein Pinterest/Instagram Wohnzimmer haben kann, wo Decken schön gefaltet sind, um ordentlich auf dem bröselfreien Ohrensessel (leider hat mein Wohnzimmersessel keine Ohren, aber ich hätte halt so gerne einen gehabt) zu liegen, natürlich farblich abgestimmt. Der Wohnzimmertisch poliert und frei von jeglichem Unrat. Generell läge nichts Unnötiges im Wohnzimmer herum.

Wie man unschwer am Wort „läge“ erkennen kann, bin ich meilenweit von diesem Umstand entfert. Schulsachen, Gläser – ich wußte nicht, dass man so viele Gläser von leer bis halbvoll herumstehen lassen kann – Stifte und Kinder tummeln sich ständig in diesen vier Wänden. Mit den Kindern kommen auch die Dinge, die sie ständig vergessen, verlieren und weglegen. Dinge sind alles, was in 2 Hände, 2 Arme und Hosentaschen passen und das kann wirklich viel sein.

So hat die Prinzessin zwar kurze Haare, aber die letzten Tage finde ich ständig Spangerln, die am Boden, zwischen den Sesseln, am Tisch oder am Kasterl liegen. Weder Schreien, Nachtragen, Wegräumen oder gut Zureden meinerseits hat die Situation verbessert oder geändert. So liegt seit Tagen oder Wochen und schlimmstenfalls Monaten die Bluetooth Box im Wohnzimmer und hat wahrscheinlich nur wegen der Erosion der Staubanhäufung ihre Position verändert.

Letzten Freitag habe ich dann kurz einen Koller bekommen den Sohn im Arbeitszimmer Platz geschaffen, damit er alle seine Schulsachen geordnet und aufgeräumt dorthin platziert. Und man sehe und staune, heute Montag haben „nur“ die Biologiebücher ihren Weg ins Wohnzimmer gefunden, neben 2 Linealen und einem Spitzer.

Mein Plan für diese Woche ist, dass ich den Lautsprecher aktiviere und Disko im Vorgarten machen, lauthals mitsinge mit einem Glas in der Hand. Ich verordne mir außerdem selektives Sehen und ignoriere Pinterest und Instagram. Zumindest bis zum nächsten Koller.

#346: Il fornaio da Stefano in Beausoleil

Wenn man an die Cote d’Azur reist, wollen viele die Reichen und Schönen sehen. Yachten, Lamborghinis, Silikonbrüste, Hyalloronlippen, Extensions und hautenge (nicht immer optimal sitzende) Glitzerflitzer – all‘ das waren amüsante Nebenprodukte unserer Must-sees and To-Dos.

Ich habe meinen Chagall gesehen, Miro ebenfalls und auch Matisse. Bin durch die Lavendelfelder gegangen und habe Olivenöl verkostet und die Sonnenblumen van Goghs einzufangen. Bin auf den Plätzen der Päpste gewandert und habe arabische, italienische und gotische Einflüsse in der Architektur bewundert.

Man muss sich nicht dem schönen Schein folgen, sondern sich in kleinen Gassen auch in St. Tropez verlieren und dort mit den Einheimischen auf kleinen Plätzen mit ein paar Tischen den lauen Abend geniessen.

Geniessen ist ganz einfach in der Provence und gutes Essen zu finden eigentlich auch. Aber eines meiner persönlichen Highlights war das Il fornaio von Stefano. Beausoleil heißt die Ortschaft, die oberhalb von Monaco liegt. Oberhalb bedeutet, dass geht man ein paar Hundert Meter weiter und ein paar Stiegen hinunter ist man schon nicht mehr in Frankreich, sondern in Monte Carlo. Ein fliessender Übergang und nur die Änderung des Mobilfunknetzes weißt einem daraufhin, dass man im Land der niedrigen Steuersätze ist, im Land des Piraten- bzw. Raubritterfürsten (natürlich nur geschichtlich gesehen) und der Luxusautos, die im Kreis fahren.

Das Il fornaio ist ein Feinkostladen mit ein paar Tischen drinnen und welchen auf dem Gehsteig. Der Besitzer und Chef Stefano ist Italiener und Chefkoch und führt dieses entzückende Restaurant mit seiner Frau Victoria. Nicht nur, dass die Produkte sensationell und qualitativ hochwertig sind, werden sie auch vom Chef mit viel Liebe und Leidenschaft zu bereitet. Und es gibt guten Kaffee, nämlich wirklich guten Kaffee, etwas was die Südfranzosen, trotz ihrer Nähe zu Italien nämlich nicht können. Und Stefano hat sich Zeit genommen, um mit uns zu plaudern, dem Hund nicht nur Wasser anzubieten, sondern auch Ragu, und dem Junior Rede und Antwort zu stehen, welche Autos er nämlich schon gesehen hat. Es war, wie ein Ankommen bei Freunden, obwohl wir das erste Mal dort waren.

Jederzeit wieder.

https://www.ilfornaiobeausoleil.com/

#345: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 3

Ich schreibe ja für mein Leben, nämlich nicht nur gerne, sondern auch für Geld und in Zeiten wie diesen, ist es weniger. Viel weniger, aber Gott sei Dank – wobei ein Danke in diese Richtung in Zeiten wie diesen eher vergebene Liebesmüh sind – gibt es noch ein paar kleine und feine Aufträge. Aber mein Junior schaut auf mich und ist jetzt mein Hauptauftragsgeber.

An unserer Schule gibt es ja eine Art Freiarbeit und ich gebe zu, dass meine 16 jährige pubertierende Tochter sehr gut damit umgehen kann. Bis auf ein paar Schritte aus dem dunklen Zimmer sehe ich sie so kaum bis gar nicht. Heute habe ich sie gebeten doch Tageslicht in ihr Zimmer zu lassen, das das Arbeiten dann leichter fällt, sie hat dann die Jalousie doch tatsächlich 20 cm hinaufgerollt. Kurz habe ich befürchtet, dass sie zum Rauchen beginnt oder zu Staub zerfällt.

Die Erwartung, dass aber Freiarbeit bei einem 10 jährigen funktioniert, auch wenn er sie schon quasi 1 x gemacht hat, mag bei den Lehrern und Lehrerinnen hoch sein, ist jedoch eine Illusion. Wir machen noch immer täglich eine To-Do-Liste.

Ich bin in meiner persönlichen Hölle angekommen.

Und arbeiten dann täglich die Vorgaben ab. Ich erkläre ihm, dass auch, wenn es zu Beginn nach viel aussieht, es dann doch nicht sooooo dramatisch ist. Wir verbringen fast täglich mindestens 30 Minuten damit zu diskutieren, ob er das jetzt machen soll oder nicht. Wobei die kreativen Dinge, wie Videos machen oder Basteleien, die könnte er immer machen. NUR gibt es nicht nur kreative Videos, sondern Konstruktionen, Aufsätze und Skizzen.

Apropos Skizzen! Mich hat ja schon letzte Woche meine Freundin P gewarnt, dass wenn er zeichnen muss, ich einfach wegschauen soll. Der Drang dem Kind den Bleistift aus der Hand zu reissen, ist fast schon selbstzerstörerisch. Der Jr hat am Samstag eine Skizze zu Van Goghs Sonnenblummen machen müssen. Das Gute ist, dass er dieses Bild in London gesehen hat, das Schlechte ist, dass ist lange her. Das Gute ist, ich habe mir Ps Warnung zu Herzen genommen, das Schlechte ist, ich habe es nicht ganz geschafft und habe ihm zwar nicht den Bleistift aus der Hand gerissen, aber das Blatt und ihm ein Neues hingelegt.

Was es gibt auch Gutes zu berichten. Er schreibt sensationelle Emails mit seiner Englisch Professorin. Und zwar wirklich wirklich. Und er macht das gerne und freiwillig und ohne Murren. Vielleicht liegt es daran, dass er schreiben darf, dass er Marvel super findet und welche Filmfiguren seine Helden sind. Aber das ist mir ganz gleich.

#343: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 1

Am ersten Tag der verordneten Quarantäne sind der Junior und ich am Laptop gesessen, um alle Lernunterlagen, Aufgaben und Unterlagen herunterzuladen. Am meisten hat dem Junior gefallen, dass er jetzt am Laptop mit Kindern und Lehrern digitale Nachrichten austauschen konnte.

Wir haben auch den Rucksack und das Stoffsackerl mit den ganzen Heften und Mappen ausgeleert. Obwohl ich wohl Altpapier-Sammelstelle sagen sollte, weil so viele zerknüllte Zettel und Mitschriften finde ich meistens gegen Ende eines Semestern. Er meinte, dass er Streß hatte schnell alles zusammenzufinden. Ich hatte Streß nicht zu laut zu werden, und meinen Ärger zu offensiv zu zeigen (es war ja erst der erste Tag und wohin sollte das führen). Ich bin daran gescheitert.

Also faltete, kopierte ich und lud alle relevanten Daten herunter, um diese mit dem Junior zu sortieren. Dann haben wir eine To-Do Liste gemacht und einen Wochenplan. Ich gebe zu, alleine das Wort To-Do Liste und Plan haben eine äußerst abschreckende Wirkung auf mich. Sie sorgt für Kurzatmigkeit und vollkommene Unwilligkeit. Etwas was ich natürlich nicht dem Junior zeigen kann, weil es ist ja so wichtig, dass er alles rechtzeitg und den Vorgaben entsprechend abgeben kann. Mich selbst zu organiseren ist ein chaotisch kreativer Prozess und durchaus eine Herausforderung für meine Umgebung.

KOCHEN, verdammt KOCHEN hatte ich fast vergessen. Jetzt wo alle zu Hause sind, ändert sich auch diese Routine. Aber es gibt Nudeln – und zwar die, die ich eh schon zu Hause hatte und ich habe immer viel Nudeln zu Hause, weil der Junior Penna e olio, Linguini e olio, Spaghetti e olio meistens ißt.

Ich gehe die Aufgaben durch und stelle fest, dass das wirklich viel ist. Es sind drei Wochen, das ist mir bewußt, aber trotzdem muss ich meinem Kind den Unterschied zwischen einem Relativpronomen und Demonstrativpronomen erklären, vor allem, weil er es (lt. ihm) noch nicht gelernt hat. Was mir wirklich den Pulsschlag ausschlagen läßt, ist das er Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ und Schillers „Ring des Polykrates“ auswendig lernen muss. Der Junior ist in der ersten Klassen eines Gymnasiums! Meine Prinzessin begann mit vielen dieser Gedichte in der dritten Klasse eines Gymnasiums, die durchaus hohe Ansprüche an ihre SchülerInnen hatte.

Aber ich verwehre mich gegen stures Auswendiglernen ohne das Gelesene zu verstehen, interpretieren zu können, zu verstehen, warum und was geschrieben steht. Durchatmen ist die Devise und den Junior motivieren, ganz einfach neben Job und pubertierender Prinzessin, die mich immer wieder gerne in ihrer emotionalen Achterbahnfahrt mitnimmt.

Das Glück war, dass obwohl ich sie immer wieder herunterief, um zu fragen, wie es bei ihr läuft, ich nur selten wirklich angsprochen wurde. Die Kommunikation zu ihr lief recht einseitung und kurz, mit „gleich, nein, gleich, ok, gleich, nein, gleich …“. Dafür ist sie umso kommunikativer mit ihren FreundInnen, die über Houseparty (sie war ganz begeistert, dass sie schon vor 3 Jahren diese App hatte, aber jetzt ist sie wirklich cool) miteinander reden, lachen und sich austauschen, während nebenbei irgendwelche Filme laufen, der Laptop für Schulsachen aufgeklappt ist.

Es wird abends und bin so erschöpft und lese kurz in der sozialen digitalen Welt, was wir jetzt nicht alles machen könnten. Yoga, Bücher lesen, zum Malen beginnen, Frühjahrsputz uvm und ich frage mich, was ich jetzt wertvolles für mich tun kann, ein Glas Wein trinken oder schlafen gehen. Ich entscheide mich für letzteres.

#339: Marvel vs. DC

Auch wenn die Überschrift so klingt, als hätte ich eine Ahnung, das täuscht. Ich kenne mich anscheinend gar nicht aus, beziehungsweise war mir nicht bewußt, dass es so wichtig ist Comic Helden in verschiedene Kategorien einzuteilen.

Ich bin mit Batman und Robin, Superman, dem A-Team, Hulk oder He-Man aufgewachsen, aber ja nur im Fernsehen. Hätte ich damals Comic-Hefte gelesen, wäre mir diese Unterscheidung vielleicht klarer gewesen. Auf jeden Fall hat mich meine Tochter letztens entsetzt angesehen, als ich nicht wußte, wer wohin gehört. Thor zu Marvel, Ironman auch und Flash ist zum Beispiel DC, welchen ich irrtümlich Marvel zugeteilt hätte, da er auch so einen roten Ganzkörper-Stretch-Anzug hat, wobei das ja bei Ironman nicht stimmt. Und vielleicht liegt hier auch der wesentliche Unterschied. DC hat figurbetonte Latex (Fetisch) Anzüge und Marvel … nein so einfach ist es dann auch nicht, weil Spiderman ist eine Marvel Figur und hat auch so einen Anzug.

Ich meinte, dann ob das nicht gleichgültig ist, weil es gibt Helden, die cool sind und andere weniger (Captain America und Flash). Mehr habe ich in dieser Diskussion nicht gebraucht, die anwesenden Wissenden sind wie eine Horde mutierte Gremlins über mich hergefallen. Wobei die unter 30 jährigen nicht einmal wußten, wer oder was die Gremlins sind bzw. waren. Und das war dann mein Einstieg in diese Diskussion, um endlich mein Wissen rund um die TV-Shows der 80er/90er einfliessen zu lassen.

Ich habe quasi das System von Innen torpediert und meine Tochter und die anderen in den Wahnsinn getrieben. Es war mir ein Volksfest mit meinen erwachsenen Mitstreitern Über Gremlins zu sprechen, He-Man als den wahren Master of the Universe anzuerkennen oder davon zu schwärmen, wie Lois Lane eigentlich die wahre Heldin war, bei den Abenteuern von Lois und Clark. Besonders gelacht haben wir dann auch über die Bum, Zacks bei Batman und Robin, M.A.S.K oder Ninja Turtle Heroes.

Meine Prinzessin meinte dann nur lakonisch ich bin peinlich, vor allem, weil ich bei Ironman meinte, dass ich Robert Downey Jr. schon immer süß fand, ganz gleich, ob er ein Marvel Held ist oder nicht. Und wer mehr wissen will findet unter: http://marvel.com/characters/browse bzw. http://www.serienoldies.de/serien/80er/ oder http://www.dccomics.com/characters alles Wissenswerte.

#338: 1 1/2 Monate sozialtot

Vor 1 1/2 Monaten kam ich am Sonntag nach Hause und erlebte meine Tochter – bald 14 – aufgelöst und voller Zorn, wie sie auf ihrem Handy herumtippte und wischte, wenn man das den so bei einem Smartphone sagen kann. Auf meine Frage, was den los wäre, kam nur ein Schnauben und ein hervorgepresstes „Ich lösche alle Social Media Apps, A L L E S !“

Ich gebe es zu, ich habe es nicht ganz ernst genommen und fragte nur, was den jetzt schon wieder passiert wäre. Weil in letzter Zeit gab es immer wieder Stress, weil sie (meine Prinzessin) nicht irgendein Bild geliked, markiert, kommentiert oder gepriesen hätte. „Warum setzt du keine Herzerl unter mein Bild? Hast du mein Bild nicht gesehen? Ich posiere wie die Stars, warum hat die S. trotzdem mehr Follower?“ Vor allem die Umfragen waren immer unterhaltsam „Findest du mich hübsch?“ mit den Antwortmöglichkeiten „JA“ und „JA sehr“, ist somit das Ja das neue Nein?

Und die Flammen sind sowieso das Non-Plus-Ultra bei SnapChat, die Kids fühlen sich gezwungen täglich Bilderchen zu schicken, damit sie die Flammen nicht verlieren, die sie untereinander sammeln, täglich und alle 12 Stunden notwendig (lt. den Kids). Die Prinzessin hatte einmal um die 200 Flammen mit einer Freundin, dh. täglich 200 Tage lang (damals war der Rhythmus noch mit 24 Std. von Snapchat vorgegeben) zumindest einen Snap. Und dann ist man krank (zumindest so, dass man kein Handy bedienen kann), hat keine Lust, Durchfall (ok, das hält niemanden ab, es gibt ja auch WLAN am Klo), … und alles ist weg. Jede einzelne Flamme, 200 unwichtige Nichtigkeiten umsonst verschickt.

Und wir wundern uns, dass die Informationsaufnahme beschränkt ist, woher soll noch jemand wissen, was wirklich wichtig ist, wenn Flammen das um-und-auf sind.

So viele Kleinigkeiten die für die Prinzessin mehr Stress bedeuteten, als Spaß oder Lust mit anderen etwas zu teilen. Und somit dauerte es einen ganzen Sonntag, um jedes einzelne Bild auf Instagram zu löschen, jeden Abonnenten, jedes Abonnement zu entfernen. Apps zu deinstallieren und sein Handy clean zu bekommen. Und jetzt ist sie seit 1 1/2 Monaten sozialtot. Die Prinzessin kannte nicht einmal den Ausdruck sozialtot, bevor mein Bruder – der auch sozialtot ist – es ihr erklärte.

Gestern haben wir darüber gesprochen, wie es ihr so geht, ohne diese Medien und sie meinte, dass es am Anfang schon schwer war und sie das Gefühl hatte, etwas fehle ihr oder sie würde sogar etwas verpassen. Aber mittlerweile ist es kein Problem mehr, im Gegenteil sie meinte, dass Freundinnen oder auch manche Klassenkolleginnen jetzt wieder persönlich auf sie zukommen und viel mehr geredet wird. (Wie erschreckend, dachte ich nur.)

Ich bin wahnsinnig stolz auf sie und es ist mir auch nicht wichtig, ob sie morgen oder heute wieder alles aktivieren würde, wenn es ihr Wunsch wäre. Vielmehr hat es ihr Bewusstsein im Umgang mit sozialen und digitalen Medien geschärft und ihren Blickwinkel verändert.

#337: Dorfer „und …“

Ich gebe es zu, ich war und bin seit jeher eine begeisterte Zuhörerin des Alfred Dorfers. Bissig, zynisch, pointiert politisch und durchaus auch flach unterhaltsam, aber vor allem ein bisserl böse.

Im neuen Kabarettprogramm findet man von allem ein wenig, wobei das Politische ist nur in den Zwischentönen hörbar, auch wenn Dorfer einmal zornig meint, dass wir uns endlich von dem Links-Rechts Geschwafel lösen sollen. Es geht nämlich nicht darum WER was sagt, sondern Wer Was sagt. Überhaupt war sein jetziges Programm philosophisch bestückt, da er neben Descartes auch Platon mit seinem Höhlengleichnis bemüht. Man merkt, dass sein Zorn den Sophisten gehört, den Halbintellektuellen, die „alles“ wissen und somit auch „alles“ kommentieren können, vor allem, wenn es eine Studie belegt, oder der intellektuelle Boulevard (der Standard) so schreibt.

Die Prinzessin war auch erstmals in einem Kabarett und trotzdem sie eigentlich sich zwangsbeglückt fühlte, hat ihr ihr erster Ausflug in die zynisch-böse Welt des Wiener Kabaretts gut gefallen. Etwas ertappt fühlte sie sich wohl beim deutschen Migranten, der von hoch gehen (nach oben gehen) spricht. Auch der Bleistift-bestückte Vortragende versus dem Power-Point-Bildzeiger hat sich nachdenklich gestimmt, da es schon seit Jahren in ihrer Klasse üblich ist, jegliches Referat, jegliche Präsentation oder jede „ich-mach-mich-wichtig“ Buch-Personen-Ereignis-Vorstellung durch animierte Bildschirmpräsentationen (und wenn ich animiert sage, meine ich animiert, da hüpft jeder Bullet-Point ins Bild) zu machen. Als wir dann nach Hause gingen, meinte sie, dass es wohl doch eine gute Idee von uns war, sie mitzunehmen.

#331: es ist so weit

Vorgestern hielt ich meiner Prinzessin die fast neuen schwarzen Sneakers unter die Nase und sagte:“So will ich, dass die Schuhe aussehen.“

Davor bin ich mit Schuhputzzeug bewaffnet und der Glanzbürste in der offenen Türe gesessen und habe die Schuhe geputzt. Eigentlich eine traumatische Erinnerung für mich, da mein Vater seine und unsere Schuhe wöchentlich putzte, ganz gleich, wie schmutzig oder sauber sie waren. Weil seine Schuhe waren immer sauber und glänzend, während die Meinigen und die von meinem Bruder im Staubmantel eingehüllt waren und immer so grau-schwarze Flecken aufwiesen. Und jedes Mal nach diesem Putzen, welches wir von der Aussenlinie mitansehen mussten, damit wir auch lernen, wie das Schuhputzen funktioniert, sagte mein Vater: „So will ich, dass die Schuhe aussehen.“ Und jedes Mal verdrehte ich gefühlt tausend Mal die Augen, weil ich mir dachte, dass sie doch eh gleich wieder in Staub gehüllt sind.

Und dann passiert mir das! Ich übernehme diese Angewohnheit meines Vaters, der seine Schuhe selbst jetzt noch regelmässig putzt, die er anscheinend schleichend in mich eingepflanzt hat. Es passierte langsam und ohne jeglichen Hinweisen. Ich merkte einfach, dass nachdem meine Prinzessin die gleiche Schuhgröße, wie ich hat, es mich störte, dass wenn sie meine/unseren Sneaker anzog, sie sowohl ausgebeult als auch schmutzig waren. Ok, ich schlupfe auch gerne in zugemachte Schuhe hinein, aber ich mache das vorsichtig, glaube ich zumindest. Wenigstens das hat sich nicht geändert.

Der Schuhputz-Fetischismus hat sich zumindest nicht zur Gänze übertragen. Ich verwende keine Strecker und fahre auch nicht durch Wien, um Colonil (wer es noch kennt) zum Putzen zu kaufen. Aber wenn ich meinem Papa erzählen würde, dass ich für die Innensohle bei Sommerschuhen eine Pflege habe, wäre er wahnsinnig stolz auf mich, weniger, dass ich sie kaum bis selten nutze. Überhaupt bin ich viel lockerer, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Nur wenn die Prinzessin meine Schuhe ausborgen will, dann hole ich gerne die Weisheiten meines Vaters hervor.