#347: Lauf Baby Lauf

Zumindest habe ich mir das heute gedacht und voller Euphorie (mehr oder weniger, eher weniger) meine Laufschuhe angeschnallt, um die fehlende Bewegung auszugleichen. Und ich war wirklich motiviert, hatte nämlich schlechte Laune, ob der Lernsituation, dem Eingesperrtsein und der zu hohen Kalorienzunahme. Außerdem ging ich von einer vollkommen verzerrten Wirklichkeit aus, dass ich durch meinen Hund und der täglichen Bewegung absolut fit wäre, meine Kondition den roten Gürtel widerspiegelt und ich gestärkt nach ein paar Kilometer retour käme.

Die Musik im Ohr und die Sonne im Gesicht ging es zumindest einmal durch den Hof und Richtung der ersten 100 m, dann spürte ich schon den ersten Krampf oder Muskelzwicken in den Beinen. Die Säure in meinen Beinen macht einmal meine Laufambitionen langsamer, aber ich hatte zumindest genügend Luft zum Atmen und so bin ich verbissen weiter.

Natürlich habe ich versucht einen Blick auf meine Laufuhr von Garmin zu erhaschen und mein Puls war in einem guten Bereich, während die Zeit aus dem Blickwinkel nur falsch sein musste. Also schüttelte ich die Uhr – vielleicht blieb ja ein Zeiger auch in der digitalen Welt hängen – und wartete auf den ersten Kilometer. Erschüttert, ob der schlechten Leistung versuche ich das Tempo zu erhöhen, um es gleich wieder zu drosseln. Zwar sind die Beine warm, aber der Schweiß scheint meine Atemfrequenz zu erhöhen.

Also suche ich mir ein anderes Lied. Gefühlte 5 Lieder weiter bin ich bei den Black Eyed Peas gelandet und pumpe nochmals meine Lungen zu Pump it auf. Und es funktioniert, ich werde zumindest um 10 Sekunden auf den Kilometer schneller. Das motiviert und ich beginne zu den Liedern mitzusingen.

*Memo an mich selbst* Bist du außer Form singe nicht mit beim Laufen.

Ich werde wieder langsamer. An der alten Donau sehe ich viele Läufer und ich scheine so sportlich auszusehen, dass mir manche zuwinken (vielleicht haben sie aber auch nur Mitleid und wollen mich motivieren). Ich geniesse es, wie die Sonne in mein Gesicht scheint und erreiche Kilometer 3 und gleichzeitig Udo Jürgens mit „Immer wieder geht die Sonne auf“. Ich frage mich gerade, ob das Lied mich motivieren soll in Zeiten von COVID oder Laufen. Ich bin mir nicht sicher.

Ich mache eine Kehrtwende und laufe nochmals 2 Kilometer und merke, wie ich im 200 Meter Rythmus immer wieder auf die Uhr schaue. Es geht nicht schneller, was definitiv an mir liegt. Wobei der vierte Kilometer ist definitiv mein Schnellster, wieder 10 Sekunden schneller, was sich sofort in Seitenstechen bemerkbar macht. George Harrison mit My sweet Lord ist hier das passende Lied und ich frage mich einerseits, welcher Teufel mich geritten hat, dieses Lied in meine Playlist zu geben und warum beim Shuffeln genau dieses Lied kommt; welche versteckte Botschaft steckt dahinter.

Nach 5 Kilometern bin ich noch nicht daheim und da ich definitiv nicht weiterlaufen will, ersetze ich Laufen mit anderen Übungen, um quasi diese letzten Kilometer effektiv zu nutzen. Also wenn jemand jemanden hopsend, Knie in die Höh‘ springend, Ferse an den Po drückend und mit weiten Schritten und in die Knie gehend gehen sah, dann war das ich.

Zu Hause habe ich mich dann einmal selbstbemitleidet. Einer Freundin von meiner Heldentat erzählt, die das nämlich als Heldentat gesehen hat. Danke übrigens dafür.

#346: Il fornaio da Stefano in Beausoleil

Wenn man an die Cote d’Azur reist, wollen viele die Reichen und Schönen sehen. Yachten, Lamborghinis, Silikonbrüste, Hyalloronlippen, Extensions und hautenge (nicht immer optimal sitzende) Glitzerflitzer – all‘ das waren amüsante Nebenprodukte unserer Must-sees and To-Dos.

Ich habe meinen Chagall gesehen, Miro ebenfalls und auch Matisse. Bin durch die Lavendelfelder gegangen und habe Olivenöl verkostet und die Sonnenblumen van Goghs einzufangen. Bin auf den Plätzen der Päpste gewandert und habe arabische, italienische und gotische Einflüsse in der Architektur bewundert.

Man muss sich nicht dem schönen Schein folgen, sondern sich in kleinen Gassen auch in St. Tropez verlieren und dort mit den Einheimischen auf kleinen Plätzen mit ein paar Tischen den lauen Abend geniessen.

Geniessen ist ganz einfach in der Provence und gutes Essen zu finden eigentlich auch. Aber eines meiner persönlichen Highlights war das Il fornaio von Stefano. Beausoleil heißt die Ortschaft, die oberhalb von Monaco liegt. Oberhalb bedeutet, dass geht man ein paar Hundert Meter weiter und ein paar Stiegen hinunter ist man schon nicht mehr in Frankreich, sondern in Monte Carlo. Ein fliessender Übergang und nur die Änderung des Mobilfunknetzes weißt einem daraufhin, dass man im Land der niedrigen Steuersätze ist, im Land des Piraten- bzw. Raubritterfürsten (natürlich nur geschichtlich gesehen) und der Luxusautos, die im Kreis fahren.

Das Il fornaio ist ein Feinkostladen mit ein paar Tischen drinnen und welchen auf dem Gehsteig. Der Besitzer und Chef Stefano ist Italiener und Chefkoch und führt dieses entzückende Restaurant mit seiner Frau Victoria. Nicht nur, dass die Produkte sensationell und qualitativ hochwertig sind, werden sie auch vom Chef mit viel Liebe und Leidenschaft zu bereitet. Und es gibt guten Kaffee, nämlich wirklich guten Kaffee, etwas was die Südfranzosen, trotz ihrer Nähe zu Italien nämlich nicht können. Und Stefano hat sich Zeit genommen, um mit uns zu plaudern, dem Hund nicht nur Wasser anzubieten, sondern auch Ragu, und dem Junior Rede und Antwort zu stehen, welche Autos er nämlich schon gesehen hat. Es war, wie ein Ankommen bei Freunden, obwohl wir das erste Mal dort waren.

Jederzeit wieder.

https://www.ilfornaiobeausoleil.com/

#343: Zombie-Apokalypse oder Lagerkoller Teil 1

Am ersten Tag der verordneten Quarantäne sind der Junior und ich am Laptop gesessen, um alle Lernunterlagen, Aufgaben und Unterlagen herunterzuladen. Am meisten hat dem Junior gefallen, dass er jetzt am Laptop mit Kindern und Lehrern digitale Nachrichten austauschen konnte.

Wir haben auch den Rucksack und das Stoffsackerl mit den ganzen Heften und Mappen ausgeleert. Obwohl ich wohl Altpapier-Sammelstelle sagen sollte, weil so viele zerknüllte Zettel und Mitschriften finde ich meistens gegen Ende eines Semestern. Er meinte, dass er Streß hatte schnell alles zusammenzufinden. Ich hatte Streß nicht zu laut zu werden, und meinen Ärger zu offensiv zu zeigen (es war ja erst der erste Tag und wohin sollte das führen). Ich bin daran gescheitert.

Also faltete, kopierte ich und lud alle relevanten Daten herunter, um diese mit dem Junior zu sortieren. Dann haben wir eine To-Do Liste gemacht und einen Wochenplan. Ich gebe zu, alleine das Wort To-Do Liste und Plan haben eine äußerst abschreckende Wirkung auf mich. Sie sorgt für Kurzatmigkeit und vollkommene Unwilligkeit. Etwas was ich natürlich nicht dem Junior zeigen kann, weil es ist ja so wichtig, dass er alles rechtzeitg und den Vorgaben entsprechend abgeben kann. Mich selbst zu organiseren ist ein chaotisch kreativer Prozess und durchaus eine Herausforderung für meine Umgebung.

KOCHEN, verdammt KOCHEN hatte ich fast vergessen. Jetzt wo alle zu Hause sind, ändert sich auch diese Routine. Aber es gibt Nudeln – und zwar die, die ich eh schon zu Hause hatte und ich habe immer viel Nudeln zu Hause, weil der Junior Penna e olio, Linguini e olio, Spaghetti e olio meistens ißt.

Ich gehe die Aufgaben durch und stelle fest, dass das wirklich viel ist. Es sind drei Wochen, das ist mir bewußt, aber trotzdem muss ich meinem Kind den Unterschied zwischen einem Relativpronomen und Demonstrativpronomen erklären, vor allem, weil er es (lt. ihm) noch nicht gelernt hat. Was mir wirklich den Pulsschlag ausschlagen läßt, ist das er Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ und Schillers „Ring des Polykrates“ auswendig lernen muss. Der Junior ist in der ersten Klassen eines Gymnasiums! Meine Prinzessin begann mit vielen dieser Gedichte in der dritten Klasse eines Gymnasiums, die durchaus hohe Ansprüche an ihre SchülerInnen hatte.

Aber ich verwehre mich gegen stures Auswendiglernen ohne das Gelesene zu verstehen, interpretieren zu können, zu verstehen, warum und was geschrieben steht. Durchatmen ist die Devise und den Junior motivieren, ganz einfach neben Job und pubertierender Prinzessin, die mich immer wieder gerne in ihrer emotionalen Achterbahnfahrt mitnimmt.

Das Glück war, dass obwohl ich sie immer wieder herunterief, um zu fragen, wie es bei ihr läuft, ich nur selten wirklich angsprochen wurde. Die Kommunikation zu ihr lief recht einseitung und kurz, mit „gleich, nein, gleich, ok, gleich, nein, gleich …“. Dafür ist sie umso kommunikativer mit ihren FreundInnen, die über Houseparty (sie war ganz begeistert, dass sie schon vor 3 Jahren diese App hatte, aber jetzt ist sie wirklich cool) miteinander reden, lachen und sich austauschen, während nebenbei irgendwelche Filme laufen, der Laptop für Schulsachen aufgeklappt ist.

Es wird abends und bin so erschöpft und lese kurz in der sozialen digitalen Welt, was wir jetzt nicht alles machen könnten. Yoga, Bücher lesen, zum Malen beginnen, Frühjahrsputz uvm und ich frage mich, was ich jetzt wertvolles für mich tun kann, ein Glas Wein trinken oder schlafen gehen. Ich entscheide mich für letzteres.

#338: 1 1/2 Monate sozialtot

Vor 1 1/2 Monaten kam ich am Sonntag nach Hause und erlebte meine Tochter – bald 14 – aufgelöst und voller Zorn, wie sie auf ihrem Handy herumtippte und wischte, wenn man das den so bei einem Smartphone sagen kann. Auf meine Frage, was den los wäre, kam nur ein Schnauben und ein hervorgepresstes „Ich lösche alle Social Media Apps, A L L E S !“

Ich gebe es zu, ich habe es nicht ganz ernst genommen und fragte nur, was den jetzt schon wieder passiert wäre. Weil in letzter Zeit gab es immer wieder Stress, weil sie (meine Prinzessin) nicht irgendein Bild geliked, markiert, kommentiert oder gepriesen hätte. „Warum setzt du keine Herzerl unter mein Bild? Hast du mein Bild nicht gesehen? Ich posiere wie die Stars, warum hat die S. trotzdem mehr Follower?“ Vor allem die Umfragen waren immer unterhaltsam „Findest du mich hübsch?“ mit den Antwortmöglichkeiten „JA“ und „JA sehr“, ist somit das Ja das neue Nein?

Und die Flammen sind sowieso das Non-Plus-Ultra bei SnapChat, die Kids fühlen sich gezwungen täglich Bilderchen zu schicken, damit sie die Flammen nicht verlieren, die sie untereinander sammeln, täglich und alle 12 Stunden notwendig (lt. den Kids). Die Prinzessin hatte einmal um die 200 Flammen mit einer Freundin, dh. täglich 200 Tage lang (damals war der Rhythmus noch mit 24 Std. von Snapchat vorgegeben) zumindest einen Snap. Und dann ist man krank (zumindest so, dass man kein Handy bedienen kann), hat keine Lust, Durchfall (ok, das hält niemanden ab, es gibt ja auch WLAN am Klo), … und alles ist weg. Jede einzelne Flamme, 200 unwichtige Nichtigkeiten umsonst verschickt.

Und wir wundern uns, dass die Informationsaufnahme beschränkt ist, woher soll noch jemand wissen, was wirklich wichtig ist, wenn Flammen das um-und-auf sind.

So viele Kleinigkeiten die für die Prinzessin mehr Stress bedeuteten, als Spaß oder Lust mit anderen etwas zu teilen. Und somit dauerte es einen ganzen Sonntag, um jedes einzelne Bild auf Instagram zu löschen, jeden Abonnenten, jedes Abonnement zu entfernen. Apps zu deinstallieren und sein Handy clean zu bekommen. Und jetzt ist sie seit 1 1/2 Monaten sozialtot. Die Prinzessin kannte nicht einmal den Ausdruck sozialtot, bevor mein Bruder – der auch sozialtot ist – es ihr erklärte.

Gestern haben wir darüber gesprochen, wie es ihr so geht, ohne diese Medien und sie meinte, dass es am Anfang schon schwer war und sie das Gefühl hatte, etwas fehle ihr oder sie würde sogar etwas verpassen. Aber mittlerweile ist es kein Problem mehr, im Gegenteil sie meinte, dass Freundinnen oder auch manche Klassenkolleginnen jetzt wieder persönlich auf sie zukommen und viel mehr geredet wird. (Wie erschreckend, dachte ich nur.)

Ich bin wahnsinnig stolz auf sie und es ist mir auch nicht wichtig, ob sie morgen oder heute wieder alles aktivieren würde, wenn es ihr Wunsch wäre. Vielmehr hat es ihr Bewusstsein im Umgang mit sozialen und digitalen Medien geschärft und ihren Blickwinkel verändert.

#337: Dorfer „und …“

Ich gebe es zu, ich war und bin seit jeher eine begeisterte Zuhörerin des Alfred Dorfers. Bissig, zynisch, pointiert politisch und durchaus auch flach unterhaltsam, aber vor allem ein bisserl böse.

Im neuen Kabarettprogramm findet man von allem ein wenig, wobei das Politische ist nur in den Zwischentönen hörbar, auch wenn Dorfer einmal zornig meint, dass wir uns endlich von dem Links-Rechts Geschwafel lösen sollen. Es geht nämlich nicht darum WER was sagt, sondern Wer Was sagt. Überhaupt war sein jetziges Programm philosophisch bestückt, da er neben Descartes auch Platon mit seinem Höhlengleichnis bemüht. Man merkt, dass sein Zorn den Sophisten gehört, den Halbintellektuellen, die „alles“ wissen und somit auch „alles“ kommentieren können, vor allem, wenn es eine Studie belegt, oder der intellektuelle Boulevard (der Standard) so schreibt.

Die Prinzessin war auch erstmals in einem Kabarett und trotzdem sie eigentlich sich zwangsbeglückt fühlte, hat ihr ihr erster Ausflug in die zynisch-böse Welt des Wiener Kabaretts gut gefallen. Etwas ertappt fühlte sie sich wohl beim deutschen Migranten, der von hoch gehen (nach oben gehen) spricht. Auch der Bleistift-bestückte Vortragende versus dem Power-Point-Bildzeiger hat sich nachdenklich gestimmt, da es schon seit Jahren in ihrer Klasse üblich ist, jegliches Referat, jegliche Präsentation oder jede „ich-mach-mich-wichtig“ Buch-Personen-Ereignis-Vorstellung durch animierte Bildschirmpräsentationen (und wenn ich animiert sage, meine ich animiert, da hüpft jeder Bullet-Point ins Bild) zu machen. Als wir dann nach Hause gingen, meinte sie, dass es wohl doch eine gute Idee von uns war, sie mitzunehmen.

#335: fehlende Inhalte

Am 15.10 entscheiden wir Österreicher über die Zukunft unserer nächsten Regierung. Ich versuche bewußt nicht zu sagen, dass wir über die Zukunft unseres Landes entscheiden, da es unsere Demokratie in Frage stellen würde. In Österreich wählt Mann und Frau alle 5 Jahre und somit haben wir alle 5 Jahre die Möglichkeit unsere Entscheidungen zu überdenken und zu korrigieren, wenn es notwendig erscheint. Dieser Absolutismus der in der medialen Berichterstattung herrscht, ist schon sehr erschreckend und vermittelt mir das Gefühl einer Selbstinszenierung, die jedoch völlig alle Sach- und Fachthemen ausklammern.

Ähnlich den Facebook und Instagram Profilen der Generation Y und Z, während die einen noch nach ihrem Sinn suchen und dies jedem mitteilen wollen (wie glücklich sie nicht in dieser unglücklichen Welt sind), so sind die anderen süchtig nach den dopamimausschüttenden Likes ihrer Accounts. Ein Sittenbild spiegelt der derzeitige Wahlkampf der Großparteien wieder.

Inhalte suche ich vergeblich und wenn dann werden sie mit anderen Themen überlagert, die nur auf Angst und Hemmnisse abzielen. Und Themen haben wir viele.

Und natürlich sorge ich mich, was die nächsten 5 Jahre für mich, meine Kinder und auch die Gesellschaft bringen werden. Angst habe ich trotzdem nicht. Auch diese 5 Jahre werden vergehen und uns lehren was Demokratie bedeutet.
Und die Globalisierung und ihre Effekte werden nicht vor der Grenze Österreichs stehen bleiben mit den Worten „Du kummst da nicht rein.“, auch wenn uns das Manche glauben lassen. Und Globalisierung hat nicht nur Auswirkungen auf die Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaftsstruktur, sie zeigt die Ungleichheit und obwohl es uns besser geht denn je, sehen eben alle anderen auch, wie gut es uns geht. Wir sind alle reicher und gesünder und doch … die Kehrseite zeigt ihre hässliche Fratze in der Form von Korruption, Populismus, Landflucht, Wirtschaftskrisen und Immobilienkrisen …
Und auch andere Themen wie die Digitalisierung, die mit der Globalisierung einhergeht, ist ein immanent drängendes Thema.

Gesundheit, Bildung, Wohnen und gesellschaftliche Veränderungen und Trends sind ausgeblendet und verdrängt von Themen wie Lug und Betrug. Lug in Form von Fakeseiten, wie die Wahrheit über, Unzensuriert, die Fans von oder dem Spätzünder oder der Betrug vom Flüchtling, dem Nicht-Leistungswilligen (ganz gleich warum), dem Betrüger am sozialen System.

Am 15.10. werde ich wie bei jeder Wahl um 17 Uhr vor dem Fernseher sitzen und darauf hoffen, dass viele ÖsterreicherInnen ihre Wahlmöglichkeit wahrgenommen haben. Auf mehr kann und will ich gar nicht spekulieren. Da Demokratie nun einmal die Herrschaft des Volkes bedeutet.

#334: Trauer

Gestern war ich bei meinem ersten Begräbnis nach muslimischer Tradition. Bei der rituellen Waschung war ich nicht dabei, aber dafür anschließend als der Sarg gebracht wurde und der Imam mit seinem Glaubensritual begann und sich Männer und Frauen dafür in zwei Gruppen trennten, erinnerte es mich stark an die orthodoxe Messe, der ich damals bei meiner Großmutter beiwohnte. Wobei ich mich bei solchen Ritualen oder gar Messen jedweder religiösen Richtung wenig bis gar nicht auskenne und auch immer ein großes Unbehagen verspüre, wenn ich merke, dass ich unangepaßt agiere.

Trotzdem haben mich 3 Gesten, ohne die gesprochenen Worte zu kennen, berührt, da sie so einfach sind und doch Wirkung hinterlassen. Die erste Geste war als die Menschen ihre Hände, wie zum Ruf oder Zuhören an ihre Gesicht hielten und zwar in Richtung des Sarges. So als ob man genau hinhören will oder eben noch etwas der Person zusendet. Die zweite Geste war ein symbolisches Abwischen/Wegwischen vom Gesicht. Es erinnerte mich daran, dass wir die Tränen wegwischen sollen. Die letzte Geste spiegelte das „Hinauffahren“ in den Himmel wieder, oder es erinnerte mich stark daran. Alle hielten ihre Hände bzw. Arme von sich gestreckt, die Handflächen nach oben, als ob man darauf wartete, etwas zu erhalten oder hinaufzusenden. Mag sein, dass eigentlich alle Gesten etwas ganz anderes bedeuten oder vielleicht auch gar nichts, es ist nicht wichtig.
Wichtig ist für mich, dass diese Gesten mich dazu gebracht haben, darüber nachzudenken und darüber nachzudenken, ob ich noch etwas zu sagen hätte, ob Trauer und wieviel Traurigkeit gut ist.

Was ich für mich weiß ist, dass Traurigkeit und Trauer eine legitime Ausdrucksweise ist, um Abschied zu nehmen, aber auch um zu spüren, nachzuempfinden, was ist und was eben nicht mehr ist. Bei der Rückfahrt sagte meine Tochter, das es so surreal ist und nicht greifbar, da vor 2 1/2 Wochen sie noch bei Gökce in der Küche saß. Wie kann das einfach nie wieder sein. Und diese Trauer verbindet uns auch wieder, wir fühlen mit-einander ein Mit-Dasein, wie Heidegger es beschreibt, dass uns zu sozialen Wesen macht. Und auch wenn wir sagen, dass das Gefühl von meiner Tochter und mir doch unterschiedliche Emotionen sind, so können sie wir unter einem Dach miteinander teilen und dieses Teilen gibt Kraft, weil man sich nicht so alleine fühlt.

Ich habe in den letzten Jahren mehrere „Papers“ (neudeutsch für wissenschaftliche Arbeiten) zu Trauer geschrieben und rational verstehe ich Trauer wirklich gut, und auch als ich damals versucht habe nachzuempfinden, wie es für mich wäre, wenn ich meine Kinder nicht aufwachsen sehen würde, nicht ihren Weg der Liebe, des Scheiterns, des Glücks begleiten dürfte, hat mich damals schon so unendlich traurig gemacht, aber das reale Gefühl jetzt, vermittelt mir eine andere Form der Tiefe. Und ich kenne Trauer, so habe ich meine Großmutter schon mit 14 bei ihrem Krebsleiden begleitet und sie dadurch verloren, meine beste Freundin mit damals 25 Jahren und auch meine andere Großmutter erst vor ein paar Jahren, so ist der Tod immer wieder unerwartet erwartet. Eigentlich fast schon unverschämt.

Ich liebe ja die Figur von Terry Pratchett Scheibenwelt, der eigentlich ja nur seinen Job macht und nicht versteht, was jedermann und -frau gegen ihn hat. Und so sagt er auch: „Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur mich.“ (Terry Pratchett, Gevatter Tod)

#333: Gökce

Wie faßt man einen Abschied in richtige Worte? Gibt es dafür überhaupt Worte, die beschreiben können, wie traurig, hilflos und wütend ich mich fühl(t)e?

Ich habe am Freitag meine letzten Worte an meine Freundin Gökce in die Tat umgesetzt. Als sie noch gesund war sind wir gerne tanzen gegangen, free-style und mit voller Leidenschaft und es war uns ganz gleich, ob die Tanzfläche voll oder leer war. Ich erinnere mich noch, als wir im technischen Museum ganz alleine auf der Tanzfläche waren und zu Disco und 80er Jahre Musik getanzt und gesungen und mit weiten Armen das Leben umarmt haben, weil es ging.

Am Freitag habe ich zu ihr gesagt, dass sie für mich dort, wo sie hingeht für mich abtanzen soll, so wie wir es früher getan haben. Sie hat gelächelt. Am Freitag bin ich am Abend, nachdem ich fahrig und unruhig in der Wohnung herumgelaufen bin, ins Orpheum gegangen und habe zu Disco und 80er getanzt, manchmal mit Tränen in den Augen oder auch wütenden Schritten, aber ich habe getanzt und gesungen. Meine Arme konnte ich nicht ausbreiten, es ging einfach nicht.

Am Freitag habe ich am Heimweg viele Erinnerungen hervorgeholt, viele Gute und auch viele nicht so Gute, als wir auch weniger miteinander redeten. Gott sei Dank haben wir die letzten 3 Jahre sehr viel miteinander gesprochen, seitdem die Diagnose „begrenztes Zeitfenster“ bekannt war. Und Gökces‘ Kampf war unglaublich, immer noch ging ein bißchen mehr und länger, nur um soviel Zeit als möglich mit ihren Kindern zu haben.

Am Freitag habe ich dich zum letzten Mal im Spital besucht, und es macht mich glücklich dich zum „Lachen“ gebracht zu haben die letzten Tage. Das war ein Teil meiner Rolle, nicht weinen und trauern für das was wir verlieren, sondern da zu sein für dich und dich abzulenken, das Leben nicht so ernst zu nehmen. Ich habe dann trotzdem geweint, aber so, dass du es nicht gesehen hast.

Am Freitag habe ich mich verabschiedet von unserer gemeinsamen Zeit, aber nicht von unserer Freundschaft, die lebt weiter in deinen zwei Kindern.

#332: Der Sommer ist wohl vorüber

Nicht nur, dass es regnet und ich seit gestern dieses Bedürfnis verspüre mich unter eine kuschelige Decke mit Tee und Buch zu verschanzen, so ist es auch die Tatsache, dass ich eine Kürbiscremesuppe – die übrigens ausgezeichnet geworden ist – gekocht habe, die mir vor Augen führt, dass ich im Herbst angekommen bin.

Der erste untrügerische Hinweis kam aber nach der Rückfahrt von Jesolo am 02. September als ich in Villach aus dem Auto ausstieg und in meinen Flip Flops fror (bei 12 Grad) und meine Zehen Uboot spielen durften. Aber trotzdem der Umstieg von Warm auf Kalt und Italien auf Schule und Pasta auf Suppe immer ein wirklich harter ist, so liebe ich es die letzten Tage vor dem kommenden alltäglichen Wahnsinn in Italien zu verbringen.

Diesmal sogar etwas verändert, da wir bevor wir an den Strand von Jesolo fuhren noch das Friaul entdeckten. Auf dem Weingut Colutta gibt es ein paar Appartements und noch wesentlich wichtiger für die Kinder einen Pool. Nicht nur, dass der Weinbauer ein Apotheker ist, der sich nur akademisch der Familientradition beugte, so ist er es auch leidenschaftlich und versucht vor allem traditionelle Trauben, wie den Ribolla Gialla oder Schiopettino, anzubauen. Am zweiten Tag lud er uns alle gleich zu einer Verkostung ein, selbst die Kinder durften ihre Nasen und Zungen in die Gläser stecken. Zu sehen und zu schmecken wie Wein geerntet und verarbeitet wird, ist ein Erlebnis und noch viel beeindruckender wird es, wenn auch der Weinbauer mit so viel Liebe und Engagement von seinen Nachhaltigkeitsprojekten spricht.

Somit um eine Erfahrung reicher und auch Friaul hat wunderbare Orte zu entdecken, sei es Cividale des Friuli, wo man einfach einen Schlüssel in die Hand gedrückt bekommt und sich kostenlos Katakomben ansehen kann. Und wer Glück hat, so wie wir, besucht am 4ten Sonntag im Monat den „il baule del diavolo“. Einen Markt voll mit Antiquitäten und alten Gebrauchsgegenständen, aber ohne den fernöstlichen Kitsch, den man heute auf Flohmärkten findet. Dieser Markt zieht sich durch die ganze Stadt und ist ein Erlebnis für sich. Dazwischen setzt man sich am besten in ein kleines Café und genießt das Treiben der Italiener.

Am besten genießt man Italien sowieso immer bei Café, Wein und gutem Essen und das wissen mittlerweile auch Kind 1 und 2 zu schätzen und sind entweder auf der Suche nach dem besten Tiramisu, Gelatto oder Pasta al Ragu.

#331: es ist so weit

Vorgestern hielt ich meiner Prinzessin die fast neuen schwarzen Sneakers unter die Nase und sagte:“So will ich, dass die Schuhe aussehen.“

Davor bin ich mit Schuhputzzeug bewaffnet und der Glanzbürste in der offenen Türe gesessen und habe die Schuhe geputzt. Eigentlich eine traumatische Erinnerung für mich, da mein Vater seine und unsere Schuhe wöchentlich putzte, ganz gleich, wie schmutzig oder sauber sie waren. Weil seine Schuhe waren immer sauber und glänzend, während die Meinigen und die von meinem Bruder im Staubmantel eingehüllt waren und immer so grau-schwarze Flecken aufwiesen. Und jedes Mal nach diesem Putzen, welches wir von der Aussenlinie mitansehen mussten, damit wir auch lernen, wie das Schuhputzen funktioniert, sagte mein Vater: „So will ich, dass die Schuhe aussehen.“ Und jedes Mal verdrehte ich gefühlt tausend Mal die Augen, weil ich mir dachte, dass sie doch eh gleich wieder in Staub gehüllt sind.

Und dann passiert mir das! Ich übernehme diese Angewohnheit meines Vaters, der seine Schuhe selbst jetzt noch regelmässig putzt, die er anscheinend schleichend in mich eingepflanzt hat. Es passierte langsam und ohne jeglichen Hinweisen. Ich merkte einfach, dass nachdem meine Prinzessin die gleiche Schuhgröße, wie ich hat, es mich störte, dass wenn sie meine/unseren Sneaker anzog, sie sowohl ausgebeult als auch schmutzig waren. Ok, ich schlupfe auch gerne in zugemachte Schuhe hinein, aber ich mache das vorsichtig, glaube ich zumindest. Wenigstens das hat sich nicht geändert.

Der Schuhputz-Fetischismus hat sich zumindest nicht zur Gänze übertragen. Ich verwende keine Strecker und fahre auch nicht durch Wien, um Colonil (wer es noch kennt) zum Putzen zu kaufen. Aber wenn ich meinem Papa erzählen würde, dass ich für die Innensohle bei Sommerschuhen eine Pflege habe, wäre er wahnsinnig stolz auf mich, weniger, dass ich sie kaum bis selten nutze. Überhaupt bin ich viel lockerer, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Nur wenn die Prinzessin meine Schuhe ausborgen will, dann hole ich gerne die Weisheiten meines Vaters hervor.