#85: Pflegefall

Meine Großmutter hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall. Im Alter von über 80 Jahren meinte sie damals das Feld am Ende des Sommers noch eigenhändig abbrennen zu müssen. Bis dahin ist sie noch täglich vor 6 Uhr morgen aufgestanden und hat versucht den Hof so gut wie möglich alleine zu bestellen. Dieses Wochenende, weil orthodoxe Ostern zu feiern waren, habe ich sie wieder besucht. Und es ist bedrückend zu sehen, wie eine ehemals agile Frau, die mit knapp 80 noch bis 4 Uhr morgens tanzte, jetzt Mühe hat sich aufzusetzen bzw. es ihr ohne Hilfe nicht möglich ist. Es gibt gute Tage und schlechte. An guten Tagen erkennt sie die Menschen rund um sie herum, so einer war am Samstag. Sie hat sich gefreut die Familie zu sehen, hat meine Hand gehalten und hat versucht ihren Urenkel – wie früher auch – zu necken. Früher und das ist gerade mal 3 Jahre her, ist sie mit ihrem einjährigen Urenkel am Boden herumgekrochen, es ist mit Blick auf diese im Bett liegende Frau, wie ein Blick in ein altes Bild. Gute Tage sind für alle gut, weil man ist froh, die Zeit mit ihr zu verbringen, die Pflegerin hat weniger zu tun, die Familie ist weniger belastet und die gesammelte Erinnerung ist eine positive, so hofft man auch für die betroffene Person. Und dann gibt es schlechte Tage, dass waren die nächsten 2 Tage, wo meine Großmutter sehr müde und verwirrt war. Sie machen uns alle betroffen, am wenigsten meine Großmutter, weil sie es nicht mitbekommt. Ein Körper der zwar schwach ist, ein Geist, der nicht mehr so funktioniert, wie er es einmal getan hat und trotzdem ist es ihr nicht möglich zu sterben. An guten Tagen, wo die Erinnerung funktioniert, ist es ihr Wunsch, so hat sie es meiner Mutter erzählt, aber der Körper lässt es noch nicht zu. Auch diese wenigen Tage, die ich sie sehe, machen glücklich und traurig und es zeigt, dass das Leben im Alter alles andere als einfach sein kann. Aber Lösungen haben wir in unserer Gesellschaft immer noch nicht dafür gefunden. Meine Großmutter hat das Glück daheim gepflegt zu werden, denn wenn ich an ihren Krankenhausaufenthalt denke, dann meinen wir im 21. Jahrhundert angekommen zu sein, und können uns glücklich schätzen über die miserablen Zustände in unseren Krankenhäusern, den am Balkan bringt man als Angehörige nicht nur das Essen und das Schlafgewand, man hat sich auch um die medikamentöse Behandlung zu kümmern und muss Angst haben, dass über Nacht nicht wieder Essen oder Medikamente gestohlen worden sind. Genau deshalb wurde alles daran gesetzt, dass eine 24 Stunden Pflege gefunden wird. Und die Familie – auch am Balkan – kann die Pflege nicht übernehmen. Also muss externe Hilfe gesucht und vor allem eins finanziert werden.

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