#310: gut gemacht

Eine Freundin erzählte mir letztens, dass ihre Tochter jetzt den 16 Geburtstag feierte mit all‘ ihren Freundinnen und Freunden bei ihnen zu Hause. 20 Stück haben fast nicht auf das Foto gepaßt – Kinder werden heute ja immer größer! 13 Teenager haben dann bei ihnen zu Hause übernachtet. Eine Groß- und Meisterleistung einer tollen Frau. Was mir aber besonders imponiert hat, war ihre Aussage, als sie ihre Tochter in ihrem Kreis beobachtete, dass sie sehr stolz auf das Mädchen sein, aber auch auf sich selbst. „Das habe ich gut gemacht.“

Wie oft sagen wir das zu uns selbst? Wie oft sagen wir genau das Gegenteil und sind nicht zufrieden, fühlen uns nicht ausreichend. Haben dieses oder jenes schlecht gemacht. Das immanente schlechte Gewissen steckt tief in uns drinnen. Und ich bin mir sicher, dass wir ganz viele kleine und große Fehler machen, aber das gehört dazu. Im Job würden wir uns niemals so verunsichern lassen, wie wir es als Eltern zulassen.

Als S. das zu mir sagte, habe ich gleich mal erwidert, dass ich hoffe, dass ich das auch einmal sagen werde können. Dann wenn die Prinzessin 16 ist. Aber warum erst dann? Auch wenn wir noch nicht im nächsten Abschnitt der Pubertät angekommen sind, so muss ich sie nur ansehen, ihr zuhören. Ich bin stolz auf sie, aber auch auf mich, weil ich es bisher gut gemacht habe. Nicht perfekt. Aber gut.

Vielleicht sollten wir viel öfter innehalten und uns bewußt machen, was wir gut machen.

#309: Wie viele Stunden braucht ein Tag?

Zur Zeit könnte mein Tag mehr Stunden vertragen, als tatsächlich vorhanden sind, vor allem da ein gewisses Schlafpensum notwendig ist, um zu funktionieren. Das eigentliche Problem liegt aber daran, dass ich versuche allem und vor allem meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Aufstehen – Mama sein: Kind 1 will frühstücken, Kind 2 gar nicht. Kind 1 braucht einen seiner 2 Löffel, sonst geht die Welt unter. Kind 2 will nicht angesprochen werden, was mit Kind 1 unmöglich ist. Somit zusätzliche Aufgabe, neben den richtigen Frühstücksutensilien, Vermittler im kalten Krieg zwischen dem Osten und Westen sein. Eine unmögliche Aufgabe und ich verstehe jetzt erst die tatsächliche Bedeutung eines Blockstaates. Alle Unterschriften, Wasserflaschen und Spielzeuge zusammengesammelt! Kind 2 verlässt noch grantiger in meist unpassendem Schuhwerk zum Wetter die Wohnung (obwohl sie mich als Wetterauskunft gefühlte 100 mal gefragt hat, wie das Wetter nun tatsächlich wird). Kind 1 wird vom Tasmanischen Teufel zur Schildkröte und verschleppt jegliche Aktivität. Was zur Folge hat, dass wir fast täglich zu Spät ausser Haus kommen. Irgendwo dazwischen gepresst, überlege ich mir, wie mein Tag heute aussieht, welche Termine anstehen, was ich jetzt benötige. Packe Laptop in den Rucksack, sammle verstreute Papiere ein.

In der Schule gibt es dann manchmal noch ein paar Wortwechsel und Fragen, wobei jetzt wesentlich weniger, wo unser Problemfall nicht mehr in die Schule kommt. Rolle Mama, Schulbegleiter und Elternvertreter kann ich dann zumindest einmal auf die Seite schieben.

Termine, Diskussionen, Treffen, Projekte … neue Geschäftsmodelle, social Business und und und … und meine wissenschaftlichen Arbeiten, derer ich noch 3 bis Ende Juni zu erarbeiten habe, füllen dann den restlichen Tag, gespickt mit Trainings – wobei das Mittwochs Training von 2 Stunden super ist, da sitze ich in der Sonne am Laptop und schreibe – Telefonanrufen, Mama sein oder Mama sein am Telefon. Und Versorger darf ich natürlich nicht vergessen. 4 mal die Woche bekomme ich den Anruf von Kind 2, wo sie mich fragt, was es zum Essen gäbe. Meistens etwas, aber oft nicht das, was Kind 2 nun möchte, neben Nudeln, Reis und Chinesen! Am Abend isst mich dann Kind 1 arm und es wird abgesucht, was sich noch so im Kühlschrank findet (vor allem, wo ich immer die Kekse und Gummisachen verbiete!).

Irgendwann, neben Diskussionen rund um Lernen, Freunde besuchen, spielen und fernsehen, befinden sich dann Kind 1 und Kind 2 im Bett und dann sind die Highlights meine paar WhatsApp Nachrichten mit Leidgenossinnen, der Fernseher, der nebenbei läuft, während ich am Laptop sitze und arbeite. Aber auch wenn ich jetzt hier „jammere“, ich gehe ja diesen Weg durchaus bewußt, weil ich etwas für mich bewegen will. Die Herausforderung liegt ja darin, dass ich weiterhin mit vollem Einsatz Mama sein will und auch wenn ich oft das Gefühl habe, mich wie ein Jongleur mit sehr vielen Bällen zu bewegen, so will ich, dass es funktioniert. Ich will nun einmal so arbeiten, wie ich es eben zur Zeit tue, mit einer Vielzahl und Verschiedenheit an Projekten, die ich mir vor Jahren nicht hätte so vorstellen können. Und auch, wenn ich viele leere und unbezahlte Kilometer zurücklege, so ist es mein Weg. Mein Weg als Mama, Beraterin, Autorin, Freundin, Schwester …

#308: meine #Fuckcancer Heldin

#Fuckcancer

Am liebsten würde ich es ja rausschreien und wenn möglich jeden Buchstaben einzeln rituell verbrennen können, aber leider spielt das Leben nun mal nicht so. Das Leben sucht sich nicht den Krebs aus und meine Freundin auch nicht. Auch wenn wir schon vor 2 Jahren darüber gesprochen haben, dass ihre Chancen auf 1 bis 3 Lebensjahre begrenzt sein könnten, – #fuckdiestatistik – so haben wir es ignoriert, es nicht geglaubt. Es ist ihr unbändiger Wille zum Leben, der sie so stark und unglaublich robust macht, auch wenn die Lunge mit Metastasen durchlöchert ist, der Tumor ihr Leber besetzt … #fuckcancer

Gestern hat sie mir im Krankenhaus erzählt, dass das Grab noch auf sie warten muss, und wenn sie sich querlegt. Wir sind eisessend am Bett gesessen und haben das schwere Unwetter über den Kahlenberg wandern sehen. Und heute wird sie operiert, oder so ist zumindest der Plan, weil sie will Optionen, will noch nicht ein bißchen nachgeben. Es ist dieser Wille, der mich so tief beeindruckt, noch dableiben zu wollen. Schwach wird sie nur, wenn sie sich die Bilder ihrer zwei Kinder ansieht. Und glücklich, weil sie jede Minute bei ihnen sein kann und dafür kämpft sie. Also in dem Sinne #fuckcancer …

#307: aufgeregt

Ich bin etwas aufgeregt, da ich mit dieser Woche mein Masterprojekt wirklich seriös und ernsthaft begonnen habe. Wo ich bisher eher meine Runden um die Arbeit gedreht habe, um ein Gefühl zu bekommen, ob das für mich so paßt, ob es sinnvoll sein kann und was ich mir davon erwarte, bin ich bis spät nachts an meinem Research Paper gesessen und habe daran gearbeitet. Und ein zweiter Blog ging online, in englischer Sprache, der sich mit der wissenschaftlichen Erarbeitung meines Themas auseinandersetzt.

Worüber ich schreiben will? Über Ethische Codes im Blogging. Darf das Internet wirklich alles? Können wir einen ethischen Code festschreiben, ob soll das wirklich jedem selbst überlassen sein? Ich möchte mich hier mit David Enoch Ansatz beschäftigen, der ethische Fragen und Spielregeln (sehr verkürzt) von Experten evaluiert und festgelegt sehen möchte.

Wem es interessiert: manuelabiegenzahn.blogspot.co.at

Ja, ich bin aufgeregt, sehr sogar.

#306: Nancy „shattered love“

Jean-Luc Nancy ist ein ein französischer Philosoph, Schüler von Derrida und ein Verfechter darin, dass es die Philosophie als ein einheitliches Erscheinungsbild oder Weltbild nicht gibt. Er nennt es Dekonstruktion, und will damit vermitteln, dass wir, unsere Welt und unser Denken aus Fragmenten besteht, wir sehen uns nach einem vermeintlichen Ganzen, jedoch ist sie für Nancy eine Illusion. Da wir uns in der Welt der Globalisierung und dem gegenseitigen Wettbewerb mehr ausschliessen, als zusammenschliessen.

Ich habe ein sehr grobes Bild von Nancy gezeichnet, da es mir weniger um sein gesellschaftspolitisches Denken geht, als um den Text „shattered love“, den ich gelesen habe. Wer glaubt hier einer linearen Linie folgen zu können, der irrt und so scheint es auch darum zu gehen, dass Liebe und Denken viel miteinander zu tun haben beziehungsweise Voraussetzung für das Eine, wie das Andere sind. Und wenn Nancy schreibt, dass schon so viel über die Liebe gesprochen wurde, dann hat er absolut recht, und trotzdem ist es unmöglich eine Festschreibung zu finden. So viele Essenzen, Fragmente und Erscheinungen, wie dieses Wort an den Tag legt, und doch sind sie bei weitem nicht ausreichend.

Nancy spricht nicht von „shattered love“, weil er daran nicht glaubt, sondern weil es unmöglich ist Liebe zu kennen, der nicht schon ein gebrochenes Herz hatte. Das gebrochene Herz ist dort wo eine Definition beginnen könnte, jedoch ohne jemals vollendet zu werden. Aber Nancy versteht das Beginnen auch nicht als einen Anfang oder Startpunkt, aber dort wo wir Zugang erhalten. Nancy versucht das Undenkbare in Worte zu fassen, ist aber auch sehr in der Gedankenwelt der westlichen Welt gefangen. Liebe als Sein und Sein als Liebe.

#305: Mein Held die Arabistik-Studentin

Italiener sind volksverbindend. Heute Abend habe ich die Enoteca Bortolotti (Trento) – und ich weiß noch nicht mal, ob man das so nennen darf, kann oder soll, besucht. Auf ein paar Aperol Sprizz und eben einer Piato Grande – beides übrigens sehr zu empfehlen. Der Beinschinken ist ein Traum und das italienische Personal entzückend freundlich. Dieses Lokal ist wahrscheinlich das Highlight von Kaisermühlen (neben dem Vorstadtwirt).

Und ich muss sagen, dass ich mich schon seit langem nicht mehr so amüsiert habe. Nicht nur, dass wir das ausgesprochene Glück hatten, neben einer bekennenden „Hofer“-Wählerin zu sitzen, die an dem Abend ihr „Baby“ – eine Arabistik/Islamistik-Studentin – kennenlernte, auch die „Haute-Volete“ von Kaisermühlen beehrte uns. Wobei mich die Mrs. Hofer – eine unwahrscheinlich starke und selbstbewußte Frau – am Meisten beeindruckte. Kein Fettnäpfchen war zu groß oder zu klein, welches sie siegessicher anstrebte. Aber am Besten gefiel mir, dass sie es als Schicksal empfand, dass sie justament an diesem Abend die „Muslimentante“ (O-ton zur Arabistikstudentin) kennenlernte, mit der sie übrigens seit 15 Uhr Nachmittags Prosecco trank. Wir empfanden das schon als brückenbauend.

Mr. Bodybuilding aus Kaisermühlen, der kurzweilig zwischen unseren Tischen saß, unserem und dem Arabistik/Hofer Tisch, konnte mit Zitaten aus dem Kaisermühlen Blues brillieren. Unisono waren wir uns alle einig, schlechter als heute soll es uns niemals gehen. Und schlußendlich findet Mrs. H. ihr Baby auch super, weil sie ist so schön Wienerisch und trinken kann man mit ihr auch. Eigentlich hätte ich wohl so manche Statements aufschreiben sollen. Es wäre ihr nicht gerecht geworden. Aus dem Kontext gerissen. Wer es erleben will, sollte regelmässig raus gehen und zwar nicht in die schönen hippen Bobo-Blasen (wie im Vice beschrieben), sondern dorthin, wo es weh tut. Auch wenn man die Komfortzone verlassen muss, tut es gut, es vor allem dann mit einem guten Glas Wein und gutem Essen zu tun.

Und wenn die Gräben vermeintlich tief scheinen, so sind es die Brücken, die wir bauen, um dem anderen zu ermöglichen zaghaft einen Blick rüberzuwerfen.
Zurück zur Enoteca: wirklich zu empfehlen ist das vegane Eis beim Bortolotti. Gaumensex, wie man heute so schön sagt.

Gaumensex wären dann sicher auch die zwei vermeintlich homosexuellen Araber gewesen, die wir vor der Türe getroffen haben und noch unschlüssig waren, ob sie hineingehen sollten. Für die Konstellation im Lokal unwahrscheinlich großartig. Ein jeder Kabarettist hätte seine wahre Freude gehabt, aber leider wie so oft, verbleibt einem dann nur mehr das Kopfkino.

In dem Sinne, empfehle ich wirklich aus tiefsten Herzen meinen Lieblings-Eis-Italiener Bortolloti in Kaisermühlen.

#304: Moralität in unmoralischen Szenarien Teil 2

In den letzten 3 Wochen beschäftige ich mich zwischen 1 bis 2 Stunden täglich mit einer Situation in der Klasse meines Juniors, die für die Kinder, Lehrer und Eltern zu einer täglichen Belastungsprobe werden. Ich bin Elternvertreter-Stellvertreter und somit Sprachrohr der Eltern und in nächster Konsequenz der Kinder.

Ein Kind ist in der 1. Klasse Volksschule auffällig. Zu Beginn waren es Kleinigkeiten mal ein bisschen schimpfen, schubsen und stören. Seit 3 Wochen jedoch eskaliert täglich die Situation in der Klasse. Ein 7jähriger der keinerlei Grenzen gegenüber Lehrer und Kindern mehr wahrnehmen kann. Kinder und Lehrer werden bespuckt, nass gespritzt und mit Wasser übergossen. Der Sprachgebrauch von „Halt die Fresse, A…“ ist wohl noch das Harmloseste. Wesentlich dramatischer sind die physischen Übergriffe von Judowürfen und Schlagen.

Lehrer und Eltern (nicht nur ich) sind täglich Gast in der Direktion und haben auch schon mit den Eltern des betroffenen Kindes gesprochen, dass offensichtlich eine Störung hat. Suspendierungen dürften eigentlich erst ausgesprochen werden, wenn tatsächlich etwas passiert „passiert“. Unterstützung der Lehrer und Schule ist angefordert, aber dauert. Der Mangel an Schulpsychologen und Unterstützungslehrern spüren wir täglich. Unsere Kinder sind in einem unmoralischen Szenario gefangen und wir Eltern versuchen immer noch das Richtige zu tun. Das Richtige für unsere Kinder und auch das Richtige für dieses Kind. Aber wie weit dürfen wir es kommen lassen?

Alleine wenn ich mir die Situation durch den Kopf gehen lasse, überlege, was schon alles passiert ist, frage ich mich, wieso die Eltern des Kindes nicht handeln? Ist es ausreichend jederzeit verfügbar zu sein, um das Kind aus der Schule abzuholen? Ist es ausreichend sich den Eltern und Kindern zu stellen, um freundlich zuzuhören? Ich beneide diese Eltern nicht. Ich frage mich wie hilflos und machtlos ich mich fühlen würde.

Für Situationen, wie diese gibt es keine Handlungsanleitung, die wir – Kinder, Lehrer und Eltern – benötigen würden. Wie können wir moralisch richtig und verantwortungsvoll handeln? Ist der Weg zum Stadtschulrat um die Bürokratie in Gang zu setzen der richtige Weg? Wir verlieren nur wichtige Zeit, weil von oben geht wieder alles nach unten, um dann wieder hinauf zu wandern.

Heute morgen sind mein Junior und ich mit Bauchweh in die Schule gefahren, weil wir nicht wissen, was heute wieder alles passieren kann. Kein gutes Gefühl gefangen zu sein.

#303: Moralität in unmoralischen Szenarios

Hört sich wie ein Paradoxon an, aber in der Wissenschaft ist alles denkbar und in der Realität sowieso möglich. Zur Zeit beschäftige ich mich damit, wie und wo wir moralisches Verhalten in unmoralischen Szenarios vorfinden können. Da gibt es zum Beispiel das Trolley Beispiel von Philippa Foot. Man stelle sich vor, dass ein Zug auf einem Gleis auf 5 Arbeiter zufährt, es gibt keine Möglichkeit diese zu warnen oder den Zug zu bremsen. Du stehst daneben und kannst einen Weiche stellen, damit sie auf das Nebengleis fährt, dort steht nur eine Person, die getötet werden wird, wenn du die Weiche umstellst. Wie entscheidest du?

Oder ein Zug fährt auf einem Gleis auf 5 Arbeiter zu, es gibt auch hier keine Möglichkeit diese zu warnen oder den Zug zum Anhalten zu bringen. Du stehst auf einer Brücke und eine Person steht neben dir, die wenn du sie herunterstößt den Zug zum Anhalten bringen würde. Wie entscheidest du?

In Fall 1 würden andere dazu tendieren die Weiche umzustellen, in Fall 2 hingegen gibt es eine breite Ablehnung dazu! Ist das Endergebnis nicht gleich, 5 Personen werden gerettet gegenüber 1 Person nicht. Wir spüren die Widersprüchlichkeit der Beispiele, wenn auch 5:1 am Ende steht.

Warum sind diese Überlegungen wichtig? Die Sensibilisierung was ganz platt gesagt „Richtig“ und „Falsch“ sein kann, muss immer wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Wo sind Grenzen, wo überschreiten wir sie eventuell auch täglich. Können wir überhaupt von Moral sprechen, oder ist es vielmehr der Versuch Ausreden zu finden, um unser Gewissen zu beruhigen?

#302: wie die Zeit vergeht

Und schon ist es wieder Frühling und alles verändert sich. Über Ostern waren wir in London und als wir abends zurück ins Hotel kommen, sitzt neben unserer Türe eine alte Dame mit 2 Taschen am Boden. Der Rücken gekrümmt und die Schultern nach vorne hängend, musste ich sie fragen, ob den alles in Ordnung sei und ob ich ihr helfen kann. Mit sehr leiser Stimme wies sie auf die Türe hin und meinte, dass sie es nicht schaffen würde, diese zu öffnen. Die Dame hatte einfach bei der falschen Türe versucht hineinzukommen, also nahm ich ihre Taschen und wir gingen zu dem Zimmer, dass sie eigentlich bewohnen sollte. Trotz ihres langen und dicken Daunenmantel merkte ich, wie zerbrechlich und unsicher sie war. In ihrem Zimmer half ich ihr aus dem Mantel und stellte die Taschen ab. Sie stand in der Mitte des Raumes und sah das große Bett an. Sie war müde, so sehr müde und doch stand sie jetzt mitten im Raum und wußte nicht, was sie zuerst tun sollte. Ihre Unsicherheit traf mich, und nochmals fragte ich sie, ob mit ihr alles in Ordnung wäre. Und auf einmal fing sie an zu weinen und erzählte mir wie traurig sie sich fühlt.

Ihr Mann ist schon vor längerer Zeit verstorben und sie ist alleine in einer Kleinstadt, wo sie sich nicht wohl fühlt. Sie musste von dort fort, hat den Neid und die Missgunst gespürt und gehört. Und glaubt ausgeschlossen zu sein. Sie erzählte mir von einem Haus und von Land und von dem Wegwollen. Als mein Telefon läutete, straffte sie ihre Schultern und sie bedankte sich formvollendet, als ob sie sich ihrer Schwäche auf einmal bewusst geworden wäre. Ich war entlassen.

Und trotzdem am nächsten Morgen musste ich an die alte Dame denken und wollte nur kurz nachsehen, ob auch wirklich alles in Ordnung war. Vielleicht war es nur ein Gefühlsausbruch und alles schon wieder so, wie es sein sollte. Ich ging nach dem Frühstück zu dem Zimmer und vor der Türe in der Ecke stand sie mit dem viel zu großen und dicken schwarzen Daunenmantel. In der Ecke, wie ein Kind, dass etwas angestellt hatte und vor lautern Scham sich nicht bewegen wollte. Behutsam sagte ich guten Morgen und ich fragte mich, ob sie schon seit letzter Nacht vielleicht vor der Türe stand. Als sie mich sah, löste sie sich von ihrer Ecke und bat mich um Hilfe. Sie brauchte mehr als nur in ihr Zimmer wieder zu kommen, sie musste mit jemanden reden. Also hörte ich zu. Einerseits wirr und andererseits klar formulierte sie, wonach sie suchte. Ich konnte sie überzeugen, dass wir zur Rezeption gehen sollten, um Hilfe zu holen. Händchenhaltend gingen wir hinunter. Ich spürte ihren festen Griff, der Halt suchte.

Die Damen an der Rezeption (PremierInn St. Pancrass) waren wunderbar und einfühlsam und nachdem Eine von Ihnen französisch mit ihr sprach, schöpfte sie Vertrauen. Wie ich später erfuhr, hat sie ihre Medikamente vergessen einzunehmen, wodurch sich ihre Verwirrung verstärkt hat. Zeit schien für die Frau ein dehnbarer Begriff und Moment geworden zu sein.

Alter ist nicht nur Zeit, die vergeht. Sie nagt auch an uns. Aber es sind auch die Menschen rund um uns herum, die einem die Hand geben, um uns zu halten, die uns mit festen Schritten begleiten. Ich versuche heute so ein Mensch zu sein, und es wäre eine Lüge zu sagen, dass ich es immer schaffe und bin, aber ich versuche es, und ich hoffe darauf, dass ich eine Hand finde, wenn ich sie brauche.

#301: Was ich nie hören wollte!

Letztens war ich Zuhörer in einem Gespräch zwischen zwei jungen Mädels und einem Burschen, der versuchte Erkenntnisse zum weiblichen Geschlecht zu erhalten. Und wie sagt meine Papa immer so schön, Kinder und Alkoholisierte sprechen die Wahrheit und so schien des auch die Hoffnung des jungen Manns zu sein, dass selbst durchaus geöffnet, er auch endlich Insights erhalten könnte.

Wobei ich zwischenzeitlich schon etwas Mitleid hatte mit dem Burschen, weil die zwei Hübschen ihn zu Beginn sichtlich ignorierten.

Er: „Eigentlich wollte ich ja zwischen Euch Zwei sitzen!“ (schmollend)
Sie ignorieren ihn und reden über die Hoffnungslosigkeit des Verliebtseins und erster großer Liebe.
Er: „Weil ich gehofft hatte, dass ich Euch Zwei ein bisl begrapschen kann.“
Sie ignorieren ihn immer noch.
Er: „Ihr kennt Euch doch aus …“
Er: „Darf ich Euch was fragen, weil ich habe da ein Mädel kennengelernt.“
Sie ignorieren ihn und sind im emotionalen Zustand der Erinnerungen (dh. es wird geheult).
Er: „Heast“ (schon etwas aufgebracht, weil sie ihn ignorieren) „ich kann dir genau sagen, warum der Typ so ein Arsch ist.“ „Ich kann dir das sagen, weil ich weiß, wie die Männer denken.“ „Du soll ich dir das sagen?“
Endlich scheint Dynamik in die Situation zu kommen und beide drehen sich zu ihm.
Sie: „Was weißt du schon, nix weißt du.“
Er: „Männer sind so, ihr ward nicht mehr zusammen, also hat er Sex. Punkt. Egal, wer sich da anbietet, wenn sie geil ist.“
*Die Sprache ist hier durchaus gewählter ausgedrückt, als sie tatsächlicher war.*
Sie schauen ihn einfach fassungslos an.
Er: „Ich hab da ein Mädel kennengelernt. Was muss ich machen (WAS JETZT KOMMT, DA WUSSTE ICH NICHT SOLL ICH LACHEN ODER IHM EINE KURZ DRÜBERZIEHEN.), damit das Mädel mich gut findet und A L L E S macht, was ich sexuell will?“
Sie schauen ihn noch immer fassungslos an.
Sie: „Geh ja nicht mit ihr einen Kaffee trinken, immer wollt ihr nur einen Kaffee trinken. Das kotzt so an. Immer immer wirklich nur einen Kaffee trinken. Wenn du sie gut findest, dann mach‘ was spontanes, schönes, von mir aus gehts Bungee Jumping.“ (Ja war nicht die Antwort direkt auf die Frage …)
Er: „Und ich dachte, ich lade sie nach Hause zu mir ein und dann rauchen wir was …“
Sie schauen ihn nicht einmal mehr an und ignorieren ihn wieder.

In diesem Moment fühlte ich mich wirklich alt. Nämlich alt, alt. So alt, wie ich persönlich immer meine Eltern gesehen habe und zwar schon mit 12 Jahren. Und ich überlegte, wohin ich meine Prinzessin schicken könnte, welches Bergkloster wohl am geeignetsten wäre. Leider habe ich für die zweite Überlegung noch keine Lösung gefunden.

Meinen spontanen Alterungsprozess habe ich würdig mit einem Otto Schenk Besuch gefeiert.