#355: Wenn einer eine Reise macht

Als ich das erste Mal in Toronto spazieren ging, riet mir meine kanadische Familie nichts Wertvolles sichtbar zu tragen. Damals hatte ich noch einen Fotoapparat, der um meinen Hals hing, meine Tasche hielt ich so fest umklammert, als ob sich mein Leben darin befände.

Heute befinden sich Teile unseres Lebens in einem kleinem viereckigen Ding. Während die einen das Handy ständig in der Hand halten, hängt es vielen um den Hals und andere wiederum haben es in der Tasche vergraben. Meines war in meiner Tasche als ich im Bus nach San Pietro beraubt wurde.

Ja ich wurde beraubt mit Handgemenge, standhaftem Wehren – ich bin der Person fest auf den Fuß gestiegen – und Stoßen und nein, ich wurde nicht verletzt, es gab keine Waffe oder andere weitere dramatischen Ereignisse. Es wurde mir „nur“ mein Handy entrissen und trotzdem ist dieses Gefühl des Beraubtseins ein Intensives und höchst Unangenehmes. Es betrifft nämlich nicht nur das physische Gerät, welches einen Geldwert darstellt, sondern auch die Zeit, der ich beraubt wurde, die ich in einer Stadt verbringen wollte, die ich sehr liebe. Zeit für schöne Erinnerungen und Zeit für mich selbst.

Ich wurde in einer Art und Weise meiner Gedanken, Erinnerungen und Teile meines Lebens beraubt. Auf meinem Handy befinden sich Fotos, Memos und Ideen, die mir wichtig sind, und ich rede noch nicht über sensible Daten von Bank, Ausweisen und Passwörtern. Die habe ich relativ schnell löschen, ändern und sperren lassen können, aber das ständige Wiederholen des Vorfalls ist wie ein immer wieder kehrendes Erleben. In den ersten Tagen habe ich in jedem Bus, ganz gleich ob ich drinnen war, oder von außen hineingeschaut habe, nach dem Gesicht des Mannes gesucht.

Die nächsten Tage habe ich sehr bewußt versucht die Stadt, welche ich schon mehr als 12 Mal bereist habe, zu genießen. Die Mitarbeiterinnen im Hotel CitizenM waren eine großartige Unterstützung und haben sich jeden Tag Zeit genommen, um mit mir zu plaudern. Eine Queen Unseen Ausstellung, Pasta, Apero meine Bäckerei am Campo und Trastevere bei Nacht habe ich mir nicht nehmen lassen.

Und das nächste Mal klammere ich mich wohl lieber an mein Handy, als an mein Geldbörserl, so ändern sich die Prioritäten.

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