Die Mitte finden

Letztens war ich bei einer Heilmasseurin, die mir von meiner lieben Freundin S. schwer empfohlen wurde. Wie es sich für gute Freundinnen gehört, hat sie mir schwer in den Hintern getreten, dass ich endlich was mache. Ich wurde nämlich Mitte August von einem Auto als Fußgängerin angefahren.

Auch wenn ich kurz abschweife, so ist es beeindruckend, was ein Gehirn und Instinkte so leisten können. Ich bin mit meinem Jr. über eine Straße geganen (ungeregelte Kreuzung) und habe aus dem Auge ein Auto in der Ferne wahrgenommen, aber weit genug weg, um sicher über die Straße zu kommen. Als wir wir schon einige Schritte auf der Straße waren, merkte ich, dass das Auto nicht wirklich langsamer wurde, sondern eher gleichbleibend – wahrscheinlich weil die Ampel an der anderen Kreuzung grün war (nur eine Hypothese oder Erfahrungswert) – und ich hob die rechte Hand um uns sichtbarer zu machen. Im nächsten Moment wußte ich nur, dass ich mir dachte, dass geht sich nicht mehr aus. Und dann mußte ich wohl alles nur noch gleichzeigt gemacht haben. Kind auf die Seite schieben, weil es ging genau auf der Seite von der das Auto kam, mich auf die Seite drehen, damit ich nicht von vorne angefahren werde. Spürte das Auto links an der Hüfte, rollte mich über den rechte Seite ab und was für mich das schlimmste war, war dass ich auch mit dem Kopf aufkam und liegen blieb und Angst hatte, dass das Auto sich weiterbewegen würde.

Natürlich hat der Autounfall Spuren hinterlassen, nicht nur körperlich. Auch die Gehirnerschütterung macht den Alltag nicht immer einfach. Es ist frustierend, wenn einem die einfachsten Worte nicht einfallen. Motorhaube! Ich musste zu Beginn meinem Radiologen erklären, wo meine Hüfte aufgeprallt ist. Er meinte, ich soll mich nicht stressen, das wird wieder. Die Worte kamen wohl bei mir an, aber es ist trotzdem so unglaublich so einfach Worte nicht zu finden, kein Wortbild von ihnen zu haben.

Und dann steht man per Zufall vor so einer Motorhaube (ich am Gehsteig und das Auto parkte), die das gleiche Markenzeichen fett vorne prangen hat, die die gleiche Farbe hatte, mir entgegenschrie und das einzige, was ich machen konnte, war stehen zu bleiben. Und es ist so, wie es in Geschichten steht. Man hält den Atem an und es scheint, als würde die Welt stehen bleiben und alles um einen herum fokussiert sich nur auf dieses Ding vor mir. Und genauso schnell ging dieser Moment auch wieder vorbei. Ich atmete durch und stellte mich dem Ungetüm der Angst. Mir wurde bewußt, dass sowohl ich aber vor allem mein Sohn Glück hatten. Es hätte auch alles ganz anders ausgehen können. Was sind da ein paar Wörter die fehlen.

Meine Therapeutin hat es auf den Punkt gebracht, sie bringt mich wieder in die Mitte. Auch wenn sie meine vorderrangig meine Hüfte meinte. Sie hat absolut Recht. Ich will wieder meine Mitte finden und das ist gar nicht so einfach, weil es diese Mitte nur vage gibt. Es ist weder ein fixer Ort noch hat einen absoluten Punkt in meinem ureigenen System. Aber zumindest ist meine Hüfte ausgerichtet. Nur mein Kopf will nicht immer so, wie sie oder ich will, nämlich seine Zentrierung finden.