#334: Trauer

Gestern war ich bei meinem ersten Begräbnis nach muslimischer Tradition. Bei der rituellen Waschung war ich nicht dabei, aber dafür anschließend als der Sarg gebracht wurde und der Imam mit seinem Glaubensritual begann und sich Männer und Frauen dafür in zwei Gruppen trennten, erinnerte es mich stark an die orthodoxe Messe, der ich damals bei meiner Großmutter beiwohnte. Wobei ich mich bei solchen Ritualen oder gar Messen jedweder religiösen Richtung wenig bis gar nicht auskenne und auch immer ein großes Unbehagen verspüre, wenn ich merke, dass ich unangepaßt agiere.

Trotzdem haben mich 3 Gesten, ohne die gesprochenen Worte zu kennen, berührt, da sie so einfach sind und doch Wirkung hinterlassen. Die erste Geste war als die Menschen ihre Hände, wie zum Ruf oder Zuhören an ihre Gesicht hielten und zwar in Richtung des Sarges. So als ob man genau hinhören will oder eben noch etwas der Person zusendet. Die zweite Geste war ein symbolisches Abwischen/Wegwischen vom Gesicht. Es erinnerte mich daran, dass wir die Tränen wegwischen sollen. Die letzte Geste spiegelte das „Hinauffahren“ in den Himmel wieder, oder es erinnerte mich stark daran. Alle hielten ihre Hände bzw. Arme von sich gestreckt, die Handflächen nach oben, als ob man darauf wartete, etwas zu erhalten oder hinaufzusenden. Mag sein, dass eigentlich alle Gesten etwas ganz anderes bedeuten oder vielleicht auch gar nichts, es ist nicht wichtig.
Wichtig ist für mich, dass diese Gesten mich dazu gebracht haben, darüber nachzudenken und darüber nachzudenken, ob ich noch etwas zu sagen hätte, ob Trauer und wieviel Traurigkeit gut ist.

Was ich für mich weiß ist, dass Traurigkeit und Trauer eine legitime Ausdrucksweise ist, um Abschied zu nehmen, aber auch um zu spüren, nachzuempfinden, was ist und was eben nicht mehr ist. Bei der Rückfahrt sagte meine Tochter, das es so surreal ist und nicht greifbar, da vor 2 1/2 Wochen sie noch bei Gökce in der Küche saß. Wie kann das einfach nie wieder sein. Und diese Trauer verbindet uns auch wieder, wir fühlen mit-einander ein Mit-Dasein, wie Heidegger es beschreibt, dass uns zu sozialen Wesen macht. Und auch wenn wir sagen, dass das Gefühl von meiner Tochter und mir doch unterschiedliche Emotionen sind, so können sie wir unter einem Dach miteinander teilen und dieses Teilen gibt Kraft, weil man sich nicht so alleine fühlt.

Ich habe in den letzten Jahren mehrere „Papers“ (neudeutsch für wissenschaftliche Arbeiten) zu Trauer geschrieben und rational verstehe ich Trauer wirklich gut, und auch als ich damals versucht habe nachzuempfinden, wie es für mich wäre, wenn ich meine Kinder nicht aufwachsen sehen würde, nicht ihren Weg der Liebe, des Scheiterns, des Glücks begleiten dürfte, hat mich damals schon so unendlich traurig gemacht, aber das reale Gefühl jetzt, vermittelt mir eine andere Form der Tiefe. Und ich kenne Trauer, so habe ich meine Großmutter schon mit 14 bei ihrem Krebsleiden begleitet und sie dadurch verloren, meine beste Freundin mit damals 25 Jahren und auch meine andere Großmutter erst vor ein paar Jahren, so ist der Tod immer wieder unerwartet erwartet. Eigentlich fast schon unverschämt.

Ich liebe ja die Figur von Terry Pratchett Scheibenwelt, der eigentlich ja nur seinen Job macht und nicht versteht, was jedermann und -frau gegen ihn hat. Und so sagt er auch: „Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt nur mich.“ (Terry Pratchett, Gevatter Tod)

#333: Gökce

Wie faßt man einen Abschied in richtige Worte? Gibt es dafür überhaupt Worte, die beschreiben können, wie traurig, hilflos und wütend ich mich fühl(t)e?

Ich habe am Freitag meine letzten Worte an meine Freundin Gökce in die Tat umgesetzt. Als sie noch gesund war sind wir gerne tanzen gegangen, free-style und mit voller Leidenschaft und es war uns ganz gleich, ob die Tanzfläche voll oder leer war. Ich erinnere mich noch, als wir im technischen Museum ganz alleine auf der Tanzfläche waren und zu Disco und 80er Jahre Musik getanzt und gesungen und mit weiten Armen das Leben umarmt haben, weil es ging.

Am Freitag habe ich zu ihr gesagt, dass sie für mich dort, wo sie hingeht für mich abtanzen soll, so wie wir es früher getan haben. Sie hat gelächelt. Am Freitag bin ich am Abend, nachdem ich fahrig und unruhig in der Wohnung herumgelaufen bin, ins Orpheum gegangen und habe zu Disco und 80er getanzt, manchmal mit Tränen in den Augen oder auch wütenden Schritten, aber ich habe getanzt und gesungen. Meine Arme konnte ich nicht ausbreiten, es ging einfach nicht.

Am Freitag habe ich am Heimweg viele Erinnerungen hervorgeholt, viele Gute und auch viele nicht so Gute, als wir auch weniger miteinander redeten. Gott sei Dank haben wir die letzten 3 Jahre sehr viel miteinander gesprochen, seitdem die Diagnose „begrenztes Zeitfenster“ bekannt war. Und Gökces‘ Kampf war unglaublich, immer noch ging ein bißchen mehr und länger, nur um soviel Zeit als möglich mit ihren Kindern zu haben.

Am Freitag habe ich dich zum letzten Mal im Spital besucht, und es macht mich glücklich dich zum „Lachen“ gebracht zu haben die letzten Tage. Das war ein Teil meiner Rolle, nicht weinen und trauern für das was wir verlieren, sondern da zu sein für dich und dich abzulenken, das Leben nicht so ernst zu nehmen. Ich habe dann trotzdem geweint, aber so, dass du es nicht gesehen hast.

Am Freitag habe ich mich verabschiedet von unserer gemeinsamen Zeit, aber nicht von unserer Freundschaft, die lebt weiter in deinen zwei Kindern.

#332: Der Sommer ist wohl vorüber

Nicht nur, dass es regnet und ich seit gestern dieses Bedürfnis verspüre mich unter eine kuschelige Decke mit Tee und Buch zu verschanzen, so ist es auch die Tatsache, dass ich eine Kürbiscremesuppe – die übrigens ausgezeichnet geworden ist – gekocht habe, die mir vor Augen führt, dass ich im Herbst angekommen bin.

Der erste untrügerische Hinweis kam aber nach der Rückfahrt von Jesolo am 02. September als ich in Villach aus dem Auto ausstieg und in meinen Flip Flops fror (bei 12 Grad) und meine Zehen Uboot spielen durften. Aber trotzdem der Umstieg von Warm auf Kalt und Italien auf Schule und Pasta auf Suppe immer ein wirklich harter ist, so liebe ich es die letzten Tage vor dem kommenden alltäglichen Wahnsinn in Italien zu verbringen.

Diesmal sogar etwas verändert, da wir bevor wir an den Strand von Jesolo fuhren noch das Friaul entdeckten. Auf dem Weingut Colutta gibt es ein paar Appartements und noch wesentlich wichtiger für die Kinder einen Pool. Nicht nur, dass der Weinbauer ein Apotheker ist, der sich nur akademisch der Familientradition beugte, so ist er es auch leidenschaftlich und versucht vor allem traditionelle Trauben, wie den Ribolla Gialla oder Schiopettino, anzubauen. Am zweiten Tag lud er uns alle gleich zu einer Verkostung ein, selbst die Kinder durften ihre Nasen und Zungen in die Gläser stecken. Zu sehen und zu schmecken wie Wein geerntet und verarbeitet wird, ist ein Erlebnis und noch viel beeindruckender wird es, wenn auch der Weinbauer mit so viel Liebe und Engagement von seinen Nachhaltigkeitsprojekten spricht.

Somit um eine Erfahrung reicher und auch Friaul hat wunderbare Orte zu entdecken, sei es Cividale des Friuli, wo man einfach einen Schlüssel in die Hand gedrückt bekommt und sich kostenlos Katakomben ansehen kann. Und wer Glück hat, so wie wir, besucht am 4ten Sonntag im Monat den „il baule del diavolo“. Einen Markt voll mit Antiquitäten und alten Gebrauchsgegenständen, aber ohne den fernöstlichen Kitsch, den man heute auf Flohmärkten findet. Dieser Markt zieht sich durch die ganze Stadt und ist ein Erlebnis für sich. Dazwischen setzt man sich am besten in ein kleines Café und genießt das Treiben der Italiener.

Am besten genießt man Italien sowieso immer bei Café, Wein und gutem Essen und das wissen mittlerweile auch Kind 1 und 2 zu schätzen und sind entweder auf der Suche nach dem besten Tiramisu, Gelatto oder Pasta al Ragu.