#320: Reisebericht Toskana 2016

Ich habe das Glück, dass ich als freiberuflich Schaffende mein Büro immer mit mir habe. Laptop zum Schreiben, Telefon für Konferenzen und Meetings oder Coachings. Und somit kam nach Sardinien noch 6 Tage Toskana dran. So ganz spontan und ohne große Vorplanung. Manchmal buchte ich noch zu Mittag eine Übernachtung für den selbigen Tag.

Der Weg retour aus Sardinien führte uns nicht über Livorno, sondern über den Piombino, welches etwas südlicher liegt – nur 40 Minuten Autofahrtzeit – aber dafür um 2 Stunden kürzer in der Überfahrt dauerte. Auch ist das Schiff kleiner und die Verlade- bzw. Ausladezeit ist wesentlich angenehmer. Von Piombino ging es dann einmal in die Gegend von Volterra, wo wir in einem Kloster „Il monastero“ in San Dalmazio uns untergebracht haben. San Dalmazio is in der Nähe von Pomerance und wenn man durch diese Gegend der Toskana fährt, dann sieht man viele geothermische Kraftwerke, die imposant auf den Hügel der Toskana weilen. In San Dalmazio angekommen, gibt es eine Kirche, zwei Wirten, einen kleinen verwinkelten Ortskern und eben das ehemalige Kloster. Das Kloster bietet kleine Wohneinheiten mit Küche an, somit könnte man sich auch selbst verköstigen. Die notwendigen Kleinigkeiten findet man beim Wirten oder man fährt in die nächst‘ größere Stadt. Wir haben es bevorzugt das Dorfgasthaus zu besuchen, sowohl für den Kaffee am Morgen, als auch für das Abendessen am Abend. Am Morgen fahren schon ab 6 Uhr kleine motorisierte Laster (3-Räder) oder Fiat Pandas den Dorfwirt an, um schnell einen Kaffee zu trinken. Die Mutter des Betreibers bestückt die Vitrine mit dem besten Tiramisu, welches ich bisher gegessen habe. Mein Sohn, welcher eher komplizierter ist, hat nach dem erfolgreichen Verkosten am Vorabend, zum Frühstück schon seine 2 – 3 Tiramisu bekommen. Und man kann es vergessen einer Nonna oder einem älteren Italiener zu erklären, dass es nicht sehr nahrhaft ist. Abend sind wir dann bei ihm gesessen und haben ausgezeichnete Hausmannskost mit noch besseren Rotwein genossen.

Ein persönlich schöne Erinnerung war der Besuch von Volterra und einem Geschäft, welches auch schon vor 13 Jahren gegeben hat. Damals habe ich mit meiner Freundin Jasmin in dem Geschäft mein erstes Freundschaftsarmband bekommen, welches ich auch heute noch habe. Bestehendes bleibt. Danke Jasmin!

Die Toskana bietet einfach wunderbare Orte und wenn auch San Gimignano mit seinen Geschlechtertürmen unter Tags mit Touristen geflutet war, so ist ein Besuch am Abend oder in der Herbstzeit ratsam, um diese Machtdemonstration auch architektonisch sehen zu können. Die Geschlechtertürme waren die baulichen männlichen Intimsteile, um zu zeigen, wer den Längeren und Größeren habe.

Zwei Kinder zu beschäftigen, die nicht nur durch das Geschlecht andere Interessen haben, sondern vor allem durch das pubertäre Alter zu Nepochanten (Wienerisch für Ahnungslos) mutieren, können eine Herausforderung darstellen. Der Sohn interessiert sich sowieso für jede Kirche, Türme und alte Steine und die Prinzessin freut sich mittlerweile darauf neben einem Cappuccino Snapchat, Instagram und Co mit Selfies und Nicht-Selfies zu frönen. Also auch hier bietet unser Urlaub für beide etwas.

#319: Gefühle mal anders

In den letzten Monaten habe ich viel gelernt über die Welt meines Sohnes, aber auch über meine Welt und dem, was für uns so selbstverständlich ist.

Hat man ein Kind, dass die Welt anders wahrnimmt, dann versucht man oft dem Kind die „normale“ Welt überzustülpen. So funktioniert sie nun einmal da draussen. So fällt man weniger auf und ist ein Teil der Gesellschaft. Ich weiß noch, wie oft ich gebetsmühlenartig versucht habe, ihm zu erklären, dass gewisse Dinge nun einmal so laufen müssen, wie sie laufen. Rede mit jemanden, wenn du etwas willst oder brauchst. Sei freundlich. Nein Handschuhe im Sommer zieht man nicht an. Es kommt die Winterzeit und es wird kalt, du mußt ein Unterleiberl anziehen.

Überhaupt rede ich sehr viel und erkläre ihm alles, oftmals bis ins kleinste Detail. Wo die Unterschiede liegen zwischen Begriffen, die für ihn qualitativ noch keinen Unterschied erkennen lassen. Als er noch klein war, sagt mir eine Ärztin einmal ich rede zu viel, da er meine Sprache nicht spricht. Ich denke, dass sie recht hatte, was die Sprache betraf, aber nicht mit dem Reden. Als wir in der Soko-Gruppe (Sozialkompetenzgruppe) die Aufgabe bekamen ein Spiel zu spielen, wo es um Gefühle ging, die darzustellen und zu beschreiben sind, war eines offensichtlich. Mein Jr. kann Gefühle großartig und detailliert beschreiben und auch in welchen Situationen sie vorkommen, aber vor allem die negativen Gefühle, wie Ärger, Wut, Zorn sehen für ihn persönlich nicht nur gleich aus, sondern fühlen sich auch gleich an und können nicht differenziert werden. Positive Gefühle werden kaum wahrgenommen, wobei es nicht so ist, dass es diese nicht gibt, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass er diesen Gefühlen misstraut und sie nicht greifen und fassen kann.

Als wir uns im Kino „Alles steht Kopf“ angesehen haben, hat ihm der Film irrsinnig gut gefallen, es war fast so, als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre, es war auch das erste Mal, dass er sich selbst als hauptsächlich „rot“ und ab und zu grünen Lichtblitzen beschrieben hat. Wut, Ärger und Zorn werden nach aussen hin sichtbar und erlebbar werden, ganz gleich, ob ich jemanden anschreie, etwas kaputtmache oder ihn körperlich „angreife“. Das Spüren der Emotion wird erlebbar. Glück, Freude und Liebe sind zart, verletzlich und nicht immer greifbar. Deswegen ist es umso schöner, wenn mein Sohn sich auf meinen Schoß setzt und zaghaft seine Hand in Richtung Hals bewegt, um dort liegen zu bleiben. Manchmal wird die Hand auch gedreht, damit jede Seite meine Haut berühren kann.

Heute verstehe ich die Welt anders.

#318: Gelassenheit

Am 13. 02. 2017 habe ich einen ausgezeichneten Radiobeitrag auf Ö1 gehört, der sich mit dem Thema Gelassenheit beschäftigt hat und versucht nicht nur eine Abgrenzung zur Gleichgültigkeit zu skizzieren, sondern auch aufzeigt, wie sehr wir im Heute damit beschäftigt sind, gelassen zu sein. Diese Sehnsucht nach einer anderen Haltung zu sich selbst und zur Welt ist omnipräsent.

In der Philosophie findet sich die Gelassenheit in sich selbst und doch können wir anscheinend viel zu selten darauf zugreifen. Wir sind getrieben, getrieben optimal zu funktionieren und zwar schon lange nicht mehr nur durch unser berufliches Umfeld, sondern vor allem durch äußere Werte, die Menschen wie Ersatzreligionen und Ersatzwerte vor sich hertragen.

Dabei geht es viel mehr um ein Loslassen und ein Emanzipieren von festgefahrenen Bildern und Vorstellungen. Nietzsche sieht in der Gelassenheit die Fähigkeit, dass der Mensch sich selbst Werte setzen kann. Aber wo finden wir unsere Bezugssysteme? Ich habe oftmals das Gefühl, dass kleine Dinge auf einmal wahnsinnig groß werden.

Noch gesünder essen, noch gesünder leben, noch dünner werden. Wir fokussieren uns auf die Kindererziehung und tun noch mehr, besser, gesünder und planen unser Leben rund um die Verwirklichung des optimalen kleinen Menschen. Fürchten uns vor den anderen und folgen Verschwörungstheorien oder nennen sie alternative Realitäten.

Ich mag diesem Denken nicht folgen. Ich kann Heidegger durchaus zustimmen, dass Denken in rechnendes und besinnliches Denken unterteilt werden kann. Während rechnendes Denken von einer Chance zur Nächsten hetzt und nie still steht und sich selbst als auch den Denkenden „ver“waltet, so ist das besinnliche Denken von Reife gekennzeichnet und wesentlich anstrengender. Wir benötigen beide Arten des Denken, damit wir alltagstauglich sind.

Aber ich bemerke, dass ich mich heute ungleich mehr darüber ärgere, dass immer mehr Menschen sich nur mehr im Denken hetzen, als ich es früher getan habe. Werde ich alt? Vielleicht intoleranter?!

Gelassener zu leben ist in einer Gesellschaft, die sich ständig zu optimieren versucht, nicht einfach.

Natürlich will ich gesund leben, aber auch be-sinnlich.
Ich will eine gute Mutter sein und scheitere sowieso schon an meinem eigenen inneren Perfektionismus, daher sich selbst zu besinnen ist wesentlich wichtiger, als dem Mittel der anderen zu folgen.
In der beruflichen Welt will ich mein Bestes geben, ohne Angst und Druck, fast aussichtslos, wenn ich um mich herum schaue.
Und dann ist da noch die Familie und der innere Freundeskreis und ich traue mich zu sagen, dass ich hier gelassen sein kann. Durchaus anstrengend und nie einfach, um dann in seinem Nachdenken für/um/mit sie/ihnen eine Leichtigkeit zu haben, die von Gelassenheit nur so durchströmt ist.

#317: Willst du eine Banane?

Wer, wie ich in den 1980er groß geworden ist, kennt wohl dieses Lied. Willst du eine Banane? Na, Na, Na i wü kane …

Bananen sind bei uns zu Hause auch ein heikles Thema. Sie symbolisieren die andere Welt meines Sohnes, da er Bananen haßt. Und ich meine hassen. Nicht nicht wollen, oder schmeckt nicht, sondern alleine das Wissen, dass jemand von uns eine Banane angegriffen hat, erschüttert seine Welt. Wir dürfen dann nicht ihn angreifen, noch seine Sachen und er muss sehen, dass wir mit v i e l Seife unsere Hände gewaschen haben. Es geht nicht um den Geruch oder Geschmack – er hat nämlich noch nie eine Banane gekostet, vielmehr ist es dieses pelzige Gefühl einer geschälten Banane, die seine Komfortzone durchbricht.

Obwohl ich das Gefühl und die Struktur von geschälten Bananen auch nicht besonders gerne mag (daher versteh ich dieses Unbehagen), esse ich sie aber – vor allem grün – sehr gerne, daher möchte ich nicht darauf verzichten. Zu Beginn verstand ich nicht, was das Problem von meinem Jr. war, weil es ist ja nur Essen und man kann dieses komische Gefühl auf den Händen leicht verschwinden lassen, aber für Kinder mit einer anderen Wahrnehmung ihrer Umwelt, welche oftmals viel stärker ausgeprägt ist, als das, was wir langläufig als normal kennen, sind Stofflichkeiten, Gerüche oder Lautstärken wie riesige Hürden, die kaum zu überwinden scheinen.

Deswegen sind auch die Essgewohnheiten oftmals sehr eingeschränkt, nach Geschmäckern oder durchaus auch Farben. So präferiert mein Kind Nudeln ohne Sauce oder mit Eiern, obwohl ihm eine al Ragu, durchaus schmeckt, aber er ißt sie einfach weniger, weil es ihm angenehmer ist.

Vieles ist ein Ausprobieren mit der Gefahr von ein paar kleineren oder größeren Explosionen, aber es bringt ihn und vor allem auch mich weiter. Ich esse meine Bananen heimlich oder habe sonst immer sehr gewaschene und saubere Hände.