#300: Buben-Mädchen-Mama

Weil ich letztens erst beim Thema Feminismus war, habe ich bemerkt, wie weit wir teilweise als Eltern davon entfernt sind. Ich habe meinen beiden Kindern immer gesagt, dass sie beide gleich viel können und gut können, wenn sie wollen. Dass es keinen Unterschied macht, ob sie einen Penis, keinen Penis, lange oder kurze Haare haben, rosa, blau oder glitzer lieben. Und doch komme ich immer wieder in die Bedrängnis Schubladen zu öffnen. Sei es um meiner lieben Tochter zu erklären, dass sie sich nicht unterbuttern lassen soll, dass sie zum Beispiel auch Fussballspielen kann und soll. Es war nicht einmal der Fall, dass am Hartplatz in der Schule die Burschen der anderen Klassen sie verjagt oder ausgeschlossen haben. Sogar beim Sommerfest hat ein übermotivierter Vater die Mädchen (mit meinem Mädchen) vertröstet, weil es ja jetzt um ein Spiel geht. Da ich weder in dieser Runde damals einen zukünftigen Ronaldo, Messi oder gar Polster gesehen habe, erschloss es sich mir nicht ganz, warum dieses Spiel so viel wichtiger war, als der gemeinsame Spaß an einem Sommerfest. Da aber meine Eltern mir gute Manieren beigebracht haben, habe ich auf weiterführende Diskussionen verzichtet. Bis auf ein paar Kommentare, Bemerkungen und subtile Zwischentöne war ich sehr erwachsen.
Auch meinem Sohn erkläre ich immer, dass Mädchen alles genauso gut können, wie er. Im Kindergarten gab es nämlich eine Mädchenband und und eine Bubenbande, wobei die Buben die Mädchen gefangen haben und dann in Fantasiegefängnissen festhielten. Zu Beginn war er ja nur in der Bubenbande, weil Mädchen eher blöd sind. Mein ständiges Einreden, dass Mädchen auch super stark, toll und überhaupt sind und wahrscheinlich eher die Tatsache, dass Emily ein robustes hübsches Mädchen seine Aufmerksamkeit hatte, brachte ihn dazu später in die Mädchenbande zu wechseln, um sie zu beschützen. Woher kommen diese Klischees? Emily musste mit Sicherheit nicht beschützt werden und wollte das wahrscheinlich auch nicht.

Mein Sohn macht, wenn er jemanden nicht mag, keinen Unterschied in seinem Benehmen der Person gegenüber. Der oder die können dann schon mal grob behandelt werden, aber es ist trotzdem ein Problem. Weil Burschen dürfen sich gegenseitig hauen, aber Mädchen und Buben, da wird es schon schwieriger. Und natürlich erklärt man seinen Kindern, dass man generell niemanden wehtun darf, soll oder wie auch immer. Auch wenn der andere angefangen hat. 6jährige sind da noch etwas resistent gegenüber solchen Einwänden. Und auch meine 12jährige schafft es nicht sich umzudrehen und zu gehen, sondern eckt dann an, halt verbal, aber ist das besser? Noch nicht mal ich – siehe oben – kann immer über den Dingen stehen. Dazu braucht es Vernunft und eine Distanz. Deshalb ist es mir auch wichtig, dass meine Kinder verstehen, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, so wie es Unterschiede zwischen uns Menschen gibt, und auf die müssen wir Rücksicht nehmen.

#299: Feminismus

Ich war heute Abend beim NZZ.at Clubabend zum Thema Feminismus und seiner neuerworbenen Beachtung nach Köln. Das Thema ist ein Schwieriges. Nicht nur, weil die mediale Berichterstattung sehr zu hinterfragen ist, angefangen von einer spürbaren Unsicherheit von und in Qualitätsmedien bis hin zu den widerlichen Titelseiten (weiße Frau und schwarze Hand), sondern auch durch Vereinnahmung von Frauenrechten durch alle möglichen ideologischen Seiten.

Und wenn aus dem Publikum quasi festgestellt wird, dass der Feminismus schon viel erreicht hat, da wir einen Pograpsch-paragraphen haben – übrigens die Deutschen nicht -, dann ist wohl die Decke lange nicht erreicht. Auch die Herrschaften vor mir, älterer Herr mit Frau Gemahlin, schüttelten immerwährende den Kopf, vor allem bei Fr. Ablinger, wenn sie über Frauenrechte und Opferschutz, Frauenhäuser usw. sprach. Und man muss nicht, wie Fr. Walterskirchen sagte, die gleiche ideologische Brille teilen, sondern es geht um Respekt und Werte. Und gerade deswegen ist es wichtig zu schätzen, was so viele Frauen und auch Männer für Frauen- und Menschenrechte tun.

Feminismus als Herrschaftskritik (Ablinger), treffender kann man es meiner Meinung nicht ausdrücken.

#298: Nazgûl

Wenn mein Sohn einen Zornanfall hat und seine Wut herausschreien möchte, dann klingt er wie ein Nazgûl, ein Ringgeist, aus Herr der Ringe. Ein Schrei, der einem durch Mark und Bein geht und der mich immer dazu bringt in der ganzen Wohnung nachzusehen, ob auch wirklich alle Fenster geschlossen sind.

Ein weiterer Vergleich wäre ja die Schlachtung eines Schweines und wer jetzt fragt, woher ich das weiß, kann leicht aufgeklärt werden. Da meine Großmutter mütterlicherseits einen Bauernhof mit allerlei Tieren hatte, habe ich Schlachtungen von Schweinen durchaus miterlebt, wie auch ihr Ausbluten und Grillen über dem Feuer (stundenlang). Übrigens in dem Buch „100 Punkte hat ein Tag“, wo uns erklärt wird, wie wir jeden Tag die Welt etwas besser machen können und wie wir nachhaltiger leben können, findet ich ein ganzes Kapitel mit dem Inhalt, dass jeder einmal ein Huhn geschlachtet haben sollte. Wobei ein Huhn schreit nicht und generell ist es recht unspektakulär (ich habe hier schon viele Punkte erledigt), aber ich gebe recht, dass es den Blickwinkel auf das eigene Essen verändert. Und ich bin kein Vegetarier.

Aber um zum Schreien zurückzukommen! Es ist furchtbar. Und was das erst für ein Druck in ihm sein muss, dass macht es gleich nochmal furchtbarer, auch für mich.

#297: temperamentvolle Wiener?

Heute hat meine Tochter vermeldet, dass es eh ganz klar ist, dass der Opa Wiener ist, weil er so temperamentvoll ist. Ich musste länger darüber nachdenken, wie sie den Wiener – vor allem meinen Papa – als temperamentvoll sehen kann, grantig, morbide, nihilistisch, sarkastisch, ironisch, mürrisch wären zumindest ein paar passende Adjektive, die mir einfallen würden, aber temperamentvoll?

Aber meine Prinzessin wäre nicht meine Prinzessin, wenn sie es mir nicht erklären würde. Der Opa kann sich wahnsinnig aufregen und dann redet er sich in einen „Strudel“ (aufpudeln könnte man auch dazu sagen), wird auch durchaus laut. Hat für Gegenargumente weder ein Ohr noch Verständnis. Also hat sie nicht ganz unrecht, man muss das Wort Temperament nur anders definieren.
Und schlussendlich liebe ich meinen Papa, der durch seine „ich-finde-für-alles-Gegenargumente“ und „ich-rede-dir-den-Sommer-schlecht“ Art mich immer wieder herausgefordert hat. Es blieb mir einfach nichts anderes über, als ständig dagegen zu reden. Und somit mich zum Denken animiert hat, nichts so einfach hinzunehmen, wie es vielleicht erscheint.

Mein Papa ist wie er ist und ganz gleich, wie er von anderen betrachtet wird, ob temperamentvoll, mürrisch oder mit einem Hang zum Nihilismus. Qualtinger hat es mit dem Nihilismus schon richtig ausgedrückt: „Ich hab zwar keine Ahnung wo ich hinfahre, dafür bin ich schneller dort.“

#296: Was bleibt …

aus dem alten Jahr? 2015 wird sich in den Geschichtsbüchern eines Tages wiederfinden, mit Terroranschlägen in Europa mit Charlie Hebdo nur ein Beginn, Angst davor und danach, Flüchtlingswellen und einer „schleichenden“ Völkerwanderung und wiederum Angst davor und danach. Als krönenden Abschluss des Jahres gibt es Übergriffe auf Frauen, die von allen Seiten für sich genutzt werden wollen, als Rechtfertigung für Hass, für das Missverständnis und vor allem wieder für die Angst. Wer sich unsicher fühlt, wird auch unsicher sein und danach leben.

Wir erleben eine Indoktrination der Angst innerhalb unserer Gesellschaft, und schaffen kaum noch „ABER“ zu sagen. Angst ist ein Teil unserer Taten, unseres Handelns und unseres Wesens. Wie wird aber Angst definiert?

Schon im 11. Jahrhundert hat ein arabischer Philosoph Als Ibn Hatm folgendes geschrieben: „Ich habe mich immer bemüht, in den Taten das herauszufinden, was alle Menschen übereinstimmend wichtig finden und wonach alle streben. Ich habe immer nur das gefunden: das Ziel, die Angst abzuschütteln (…). Ich habe erkannt, daß die Menschheit danach in erster Linie strebt und daß nicht ein einziger Mensch irgendetwas tut oder auch nur ein Wort spricht ohne zu hoffen, damit die Angst in seinem Kopf loszuwerden.“ (zit. n. SPIELBERGER 1980, 63)

Die Angst ist eine mächtige Emotion, und wir lassen zu, dass andere mit dieser Emotion spielen. Ich will nicht von Angst beherrscht werden. Ich will die Angst, die zur Zeit verbreitet wird, gar nicht erst in meinen Kopf hineinlassen.

#295: Perfektionismus

Ich hatte Mitte Dezember mit einem Artikel begonnen, diesen jedoch nie zu Ende geschrieben, was wiederum so gar nicht zu dem Thema „Perfektionismus“ passt. Ich glaube, dass ich kein Perfektionist bin. Ich habe zu wenig Geduld dafür, weder für mich, für die Sache noch für den Perfektionismus selbst. Schlussendlich stehen wir uns auch immer nur selbst im Wege, oder die anderen oder die wenige Zeit, die unzureichenden Möglichkeiten und so weiter und so fort.

Frauen, die sich stressen, weil die anderen Frauen ein Gesamtpaket aus vorbildlichen Kindern, fürsorglichen Partnern und in sich vermeintlich ruhender Mitte ausstrahlen. Wer will schon vorbildliche Kinder? Ok, ich schon, ich gebe es zu. Und die ruhende Mitte wäre auch mal wieder schön zu finden, aber ich arbeite zumindest daran, dass ich alle Fingernägel gleichmässig lackiere (merke gerade, dass ich was zu tun habe!). All‘ diese Bilder spielen sich in unseren Köpfen ab und erzeugen einen Stress, der nicht für UNS gut ist, und was für uns nicht gut ist, zieht dann weiter seine Kreise.

Aber dies trifft auch auf Männer und Frauen im Job zu, die erkennen, dass Perfektionismus nicht möglich ist. Da kann ich noch so oft hinter meinem Mitarbeiter stehen und es ihm vorführen. Weil es ist ja jemand anderer, der diese Tätigkeit dann ausführt, mit anderen Möglichkeiten, anderen Ressourcen und schon hat sich das Ergebnis verändert. Und es geht noch nicht mal um besser oder schlechter. Es geht um anders.

Ich liebe es sowieso zu improvisieren. Besonders beeindruckt hat mich M als er die Krippenbeleuchtung am 24.12 (nachdem alle Geschäfte geschlossen waren) mit zwei miteinander verbundenen AA-Baterien (mittels Tixo) zum Leuchten brachte, weil keine Blockbatterie vorhanden war. Nein es sah natürlich nicht so schön aus, und viel wackeln hätte man auch nicht dürfen, aber es hat funktioniert und seine Funktion erfüllt. Ist das nicht auch ausreichend?

Also ich gehe jetzt auf jeden Fall diese zwei ramponierten Nägel lackieren.